Musikalischer Kurzausflug

Eisler, Falco und Suppé. Musikalischer Kur(z)-Ausflug in die Sommerfrische Gars-Thunau.

Kulturinteressierte wissen, dass Franz Suppé und Falco in Gars am Kamp Sommervillen besessen haben. Der folgende musikalische Ausflug in diese bekannte Sommerfrische erinnert, dass auch der Satiriker Karl Kraus, der Filmemacher Fritz Lang und der Komponist Hanns Eisler in Gars zu Gast waren und einige ihrer Werke eng miteinander verbunden sind.

Zumindest zwei weltberühmte Musiker waren wiederholt in Gars-Thunau auf Sommerfrische. Der eine ist als Komponist einer offiziellen, der andere als Schöpfer einer inoffiziellen Nationalhymne bekannt:

Das war Ferdinand Preis‘ beliebter Marsch „O du mein Österreich“, Österreichs inoffizielle Nationalhymne. Das triumphale Trio basiert auf Franz Suppés Lied „Das ist mein Österreich“, welches Suppé 1849 für Anton Klesheims romantisches Dialekt-Märchenspiel „s‘ Alraunl“ komponiert hat. Diese „Ariette der Röserl“ ist bei der Uraufführung durchgefallen. Nachdem aber die eingängige Melodie 1852 vom Militärkapellmeister Preis für seinen Marsch und etwas später vom Schauspieler Karl Treumann für ein Couplet genutzt wurde, hat Suppé das Lied 1854 separat veröffentlicht und damit viel Geld verdient.

Abgesehen von Falco war Suppé bislang der einzige weltberühmte Künstler, den die Öffentlichkeit mit Gars assoziiert hat. Suppé hat dort seit 1876 die Sommermonate verbracht, weshalb er seiner Wahlheimat lange als Kultur-Schutzheiliger und kulturelles Aushängeschild gedient hat. Allerdings bedarf die Sonderstellung, die diese beiden Villenbesitzer in der Garser Kunst- und Kulturgeschichte einnehmen, der Ergänzung, dass auch Leben und Werk einiger anderer weltberühmter Künstler mit dieser Sommerfrische verbunden sind: Beispielsweise das von Karl Kraus, den Sie nun als Operetten-Sänger mit einem Lied aus Jacques Offenbachs „Pariser Leben“ hören:

Kraus war im Unterschied zu Suppé, dessen „theatralisch gut gebauten, oft hinreißenden Operetten“ er schätzte und dessen „Tischlerlied“-Vertonung für Nestroys „Lumpazivagabundus“ er in seinen Vorlesungen vortrug, nur kurz in Gars. Aber Kraus‘ Aufenthalt ist wegen des Zeitpunkts interessant. Denn er beantwortet die Frage, wo der Autor von „Die letzten Tage der Menschheit“ war, als in Sarajewo die tödlichen Schüsse auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger und seine Frau fielen.

Damals, am 28. Juni 1914, pendelte Kraus, der sich nach einem Aufenthalt bei seiner Geliebten Sidonie Nádherný von deren Schloss nach Wien chauffieren ließ, als barmherziger Samariter zwischen Gars und Horn. In Horn war Kraus wegen eines verletzten Buben aufgehalten worden, den er zuerst nach Hause brachte. Dann ließ er sich vom Chauffeur nach Gars fahren, wo er einen Arzt abholte, der den Verletzten ins Spital einlieferte. Anschließend fuhren Kraus und sein Chauffeur „durch das schöne Kampthal“ nach Wien. Demgemäß hat Kraus erst um Mitternacht durch eine Extraausgabe in der Nußdorfer Straße jene Nachricht erfahren, deren Folgen er in „Die letzten Tage der Menschheit“ „für alle Zeiten“ dokumentiert hat.

Wie es der Zufall will, wurde der Epilog von Kraus‘ Weltkriegsdrama 1929 ausgerechnet von einem anderen weltberühmten Gars-Besucher vertont:

Einspielung: Hanns Eislers Die Letzte Nacht (Hörprobe  auf der WebSite der Ebony Band)

Das war ein Ausschnitt aus Hanns Eislers Bühnenmusik zum Epilog von „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus in einer Einspielung der Ebony Band. Der Kern dieses 1990 von Werner Herbers gegründeten Ensembles setzt sich aus Musikern des Concertgebouw Orchesters zusammen und widmet sich programmatisch der Aufführung vergessener oder weniger bekannter Werke der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: Beispielsweise Eislers Bühnenmusik „Die letzte Nacht“, die nach der 1930 erfolgten Uraufführung in Vergessenheit geraten ist.

Hanns Eisler, der neben Alban Berg und Anton Webern vermutlich der bekannteste Arnold-Schönberg-Schüler ist, war als Kind mit seinen Eltern um 1905 in Gars-Thunau auf Sommerfrische. Er kehrte 1925 mit seiner damaligen Ehefrau Charlotte und 1957 mit seiner späteren Ehefrau Stephanie nach Gars zurück. Davon zeugen Briefe und einige Fotografien, die ihn vor dem Hotel Kamptalhof, am Garser Hauptplatz sowie im Badetrikot vor dem Garser Badehaus zeigen.

Eisler ist übrigens der Komponist der zuvor angekündigten offiziellen Nationalhymne:

Das war „Auferstanden aus Ruinen“, die 1949 von Hanns Eisler komponierte und von Johannes R. Becher getextete Nationalhymne der einstigen DDR. Ein Lied, das laut Eisler-Spezialisten Gerhard Müller „offizielle Staatshymne und zugleich ein verbotenes, verfemtes und bespucktes Lied“ war: „Im Westen durfte es nicht gesungen werden, der Osten schloss sich ab 1971 dem Textverbot an. ‘Deutschland, einig Vaterland‘ passte nicht mehr in [Erich] Honeckers Weltbild.“

Mit Bert Brecht hat Eisler schon 1950 eine weitere, bislang brach liegende Nationalhymne geschaffen, die durch ihre sprachliche und musikalische Anmut besonders berührt:

Sie hörten Hanns Eislers einnehmende Interpretation seiner „Kinderhymne“ „Anmut sparet nicht noch Mühe“, die von ihren Schöpfern als gesamtdeutsche Nationalhymne gedacht war.

Gemeinsam haben Brecht und Eisler 1943 in Hollywood mit einem anderen prominenten Gars-Besucher zusammengearbeitet: Brecht als Drehbuch-Co-Autor und Eisler als Filmkomponist von Fritz Langs Anti-Nazi-Klassiker „Hangmen Also Die“. Für die Filmmusik wurde Eisler im Folgejahr sogar für den Oscar nominiert:

Einspielung: Hangmen Also Die.

Ja, auch Fritz Lang war mit Gars verbunden. Seine Eltern, die dort gestorben und begraben sind, hatten eine bescheidene Sommervilla im Ortsteil Manigfall, wohin ihr Sohn Anfang August 1914 zurückgekehrt ist, nachdem er Paris Ende Juli wegen des drohenden Weltkriegs überstürzt verlassen musste. Lang verbrachte einige Wochen in Gars, was durch einen ausführlichen Brief belegt wird, in dem er einem Freund detailliert seine letzten Tage in Paris und seine turbulente Rückreise nach Österreich schildert.

Dem Pop-Weltstar Falco war Langs Gars-Verbindung vermutlich nicht bekannt, als er 1987 ausgerechnet die Nachbarsvilla der Familie Lang erworben hat. Die Kenntnis dieser Nachbarschaft hätte Falco aber gewiss gefallen, da er im Video zu seinem Mega-Hit „Jeanny“ mit markanten Filmzitaten auf Fritz Langs beklemmendes Film-Meisterwerk „M“ anspielt:

Das war ein musikalischer Kurzausflug in die Sommerfrische Gars-Thunau. Als Reiseführer verabschiedet sich Andreas Weigel.