Sommerfrische?

Sommerfrische , was ist bzw. war das?

Reich bebilderte Tourismus-Geschichte der Kamptal-Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart mit Selbst- und Fremdzeugnissen dargestellt von Andreas Weigel
Reich bebilderte Tourismus-Geschichte der Kamptal-Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart mit Selbst- und Fremdzeugnissen dargestellt von Andreas Weigel. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum. Gars am Kamp 2017. ISBN 978-3-9504427-0-0.

Der anmutige Begriff Sommerfrische, in dem wärmender Sonnenschein und kühlender Schatten verheißungsvoll vereint sind, ist jünger als das Phänomen, das er beschreibt. Schließlich fliehen seit jeher viele jener, die es sich beruflich, zeitlich und finanziell leisten können, während der heißeren Jahreszeit für mehrere Wochen und Monate aus der stickig-brütenden Stadt auf das mildere Land.

Die Fahrt in die ursprünglich mehrere Wochen bzw. Monate dauernde Sommerfrische war lange ein Luxus, der allein vermögenderen Gesellschaftsschichten vorbehalten blieb: Sommerfrischler waren Ärzte, Advokaten, Fabrikanten, Geschäftsleute, Lehrer, Pensionisten, Rentner und höhere Beamte, die sich einen langen bzw. längeren Landaufenthalt leisten konnten, allenfalls noch und wirtschaftlich erfolgreiche Künstler.

Dem Großteil der österreichischen Bevölkerung fehlte es dafür sowohl an den nötigen Mitteln für Fahrt- und Aufenthaltskosten, als auch an der erforderlichen Freizeit, da ein gesetzlicher Urlaubsanspruch erst um 1910 eingeführt wurde.

Im Begriff „Sommerfrische“ waren bald die Vorstellung eines Ortes („in der Sommerfrische sein“) mit der eines längeren Zeitraumes („auf Sommerfrische sein“) untrennbar miteinander verschmolzen. Selbstredend hat auch das Wort Sommerfrische im Lauf der Zeit Bedeutungsänderungen erfahren. Denn während die klassische Sommerfrische anfangs einen mehrmonatigen Aufenthalt wohlhabenderer Städter auf dem Land definierte, wurde der Begriff bald auch für deutlich kürzere Aufenthalte in Sommerfrischen verwendet, da mit Sommerfrische stets auch der Ort gemeint war, wo man auf Sommerfrische weilte und das ländliche Leben den von ihren Vollzeitmüttern begleiteten Kindern die Chance bot, sich in freierer Natur unbeschwerter auszutoben als in der beengenden Stadt.

Davon abgesehen, wurde selbst im Jahr 1911, also in eben jenem Zeitraum, der als die goldene Ära der „Sommerfrische“ gilt, bitter beklagt, dass die klassische mehrere Monate dauernde Sommerfrische ausgerechnet von den etablierten Sommerfrischenorten, die der Autor erbost „Muß-Sommerfrischen“ schimpft, „weil sie einmal deutsch gesprochen, volkstümlich geworden, alljährlich ohne viele Mühe in den weitesten Kreisen bekannt, einen großen Kreis von Anhängern besitzen“, nicht mehr gelebt werde: „Um nun den alten Ruf des betreffenden Muß-Sommerfrischenortes zu retten, d. h. ganz besonders eine höhere Besucherzahl auszuweisen, vermieten die Hausbesitzer heute schon ihre Wohnungen auf Tage oder Wochen, wenn es hoch geht auf einen Monat, um nur wenigstens einen kleinen Mietzins für die im großen und ganzen schon verlorene Mietzinseinnahme herauszuschlagen. Die Muß Sommerfrische bleibt dabei, was die Anzahl der Besucher anbelangt, wohl auf der gleichen Höhe, aber die früheren oft 3–4 Monate ständig anwesend gewesenen Sommerparteien sind verschwunden und haben stets von Woche zu Woche wechselnden Sommergästen Platz gemacht.“

Diese Kostprobe belegt, dass bereits um 1911 unterschiedliche Varianten der Sommerfrische gelebt wurden und „Sonntags-Sommerfrischler“ (1911) und „Eintagssommerfrischler“ (1912) für den „Boten aus dem Waldviertel“ und seine Leser keine Überraschung waren. Ähnlich wird Gars aus Tradition weiter Sommerfrische genannt, obwohl es seit Jahrzehnten eher für Wellness-, Kur- und Gesundheitstourismus steht und es zudem wegen des gesellschaftlichen Wandels heute kaum mehr klassische Sommerfrischler gibt, da die im vorigen Jahrhundert üblichen Vollzeithausfrauen, denen es zeitlich möglich war, gemeinsam mit ihren Kindern mehrere Monate auf Sommerfrische zu verbringen, von berufstätigen Frauen abgelöst wurden, die zeitlich und räumlich an ihre Arbeitsplätze gebunden sind.

Als sommerliche Stadtflucht war die Entwicklung der Sommerfrische nicht nur von Zeit und Geld, sondern auch von den verfügbaren Massenverkehrsmitteln abhängig, weshalb sie untrennbar mit dem technischen Fortschritt des Eisenbahnbaus verbunden ist: „Schlechte Straßen und Wege, unzählige Grenzpfähle, Herbergen ohne Komfort, Wegelagerer und Sümpfe machten das Reisen zu einem Wagnis. Darüber hinaus bargen unterschiedliche Münzsysteme, Sprachbarrieren, ungewohnte Speisen, lahmende Pferde und brechende Wagenachsen nicht kalkulierbare Risiken. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes im 19. Jahrhundert änderte sich das ganz grundlegend. ‚Sommerfrischler‘, wie man Erholungsreisende schon bald nannte, nutzten jetzt immer mehr den neuen Reisekomfort.“ (Elisabeth Tworek, Prolog. Sommerfrische. Zurück zur Natur. In: Elisabeth Tworek, Literarische Sommerfrische (München 2011) S. 10f.)