Anton Ehrenbergers Vorwort

Schaffen und Genießen –
Künstler in der Sommerfrische Gars am Kamp

Die Poesie der Zeitlichkeit
Anton Ehrenbergers „Die Poesie der Zeitlichkeit“

Unter diesem Motto möchte Sie die vorliegende Publikation zur gleichnamigen Jahresausstellung zu einer Reise einladen, die vom letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart reicht. Darüber hinaus aktualisieren die Beiträge der Kremser Künstlergruppe raumgreifend die in Text und Bild präsentierten Themen.

Bisher haben einige Begleitkataloge und Bücher des Zeitbrücke-Museums diese Zeit in Einzelaspekten behandelt, wie beispielsweise „Gars um 1900“ (1978), „Landschaftsökologie und Leben in den heiligen drei Ländern“ (1999), „Franz von Suppè (2005), „Gärten – Villen – Parks“ (2006), „100 Jahre Laientheater in Gars – 20 Jahre Theatergruppe ‚Spektakel’“ (2012) oder „Klingendes Gars – Geschichte der Garser Blasmusik“ (2013).

Andere Ausstellungen dokumentierten Themen wie „150 Jahre Postamt Gars“ und „Garser historischer Spaziergang“ (1992), „Gewerbe einst und jetzt“ (2007) oder „20 Jahre Opern Air in Gars am Kamp“ (2009). Daneben gab es auch einige Einzel- und Gruppenausstellungen mit Werken von Garser Künstlern sowie Ausstellungen der Nö-ART. Zu einer der ersten Kunstausstellungen zählte die Schau mit Werken von Prof. Robert Fuchs im Jahr 1979 anlässlich der Verleihung der Garser Ehrenbürgerschaft.

Die Inhalte dieser Ausstellungen lassen die Wechselwirkungen erkennen, die sich aus äußeren Einflüssen und lokalen Aktivitäten ergaben. Dies äußerte sich in der regen Bautätigkeit und dem Ausbau der Infrastruktur des Ortes als Sommerfrische im späten 19. Jahrhundert (Wasserleitung, Spital, Elektrizitätswerk, Gasthäuser, Hotels, Villen, Kurpark, Bad, Tennisplatz etc.), im Musikleben (Franz von Suppè in Gars, Militärmusiken, Darbietungen von Wiener Chören und Gründung lokaler Gesangsvereine und Blasmusikkapellen) wie auch im Saisontheater unter der Direktion von Paul Löwinger und dem Entstehen lokaler Theatergruppen mit ersten Aufführungen auf der Burgruine.

Im oben erwähnten Villenbau sind an erster Stelle der Wiener Stadtbaumeister Adolf Micheroli, der ab 1897 zahlreiche Villen für das Großbürgertum entwarf und Josef Hoffmann mit der Villa „Gretl“ (1923) zu nennen. Diese Bauten wurden von heimischen Unternehmen errichtet, die gleichzeitig in eigenen Entwürfen die neuen Stilelemente aufgriffen und weiterführten.

Der erste Teil umfasst so die Zeit der Monarchie bis 1918, in der die Basis für den heutigen Tourismus in Gars gelegt wurde. Dieser gründete auf den Vorzügen der attraktiven Landschaft des Kamptals in Verbindung mit einem reichen kulturellen Erbe: dem Schlossberg mit Babenbergerburg und Gertrudskirche, der nahe gelegenen Rosenburg und dem Schloss Buchberg, dem alten Markt mit seiner historischen Bausubstanz und schließlich dem Kamp mit seinen Bade- und Erholungsmöglichkeiten. Die Lage des Marktes, abseits von Verkehrswegen, verlieh dem Ort eine heute kaum mehr vorstellbare Ruhe und Abgeschiedenheit. Diese Vorzüge wurden von zahlreichen Reiseschriftstellern dieser Zeit immer wieder hervorgehoben. Ab 1883 begann der neu gegründete Verschönerungsverein, der im heutigen Fremdenverkehrsverein seine Fortsetzung findet, mit dem Anlegen von Spazierwegen, Promenaden, Alleen. Er war aber auch federführend beim Bau der Garser Bade- und Tennisanlagen.

Ab den 1890er Jahren kam erstmals eine Art von „Massentourismus“ auf, als an Wochenenden die Kamptalbahn bis zu 500 Wiener Gäste nach Gars beförderte. So lässt sich auch der rasante Ausbau von Fremdenverkehrsbetrieben dieser Zeit erklären. Damit war auch das Bedürfnis nach Unterhaltung verbunden, wie die Garser Saisonblätter nach 1900 zeigen: Park- und Platzkonzerte, Saisontheater, sogar Kinovorstellungen wie in Hiedlers Hotel (heute Gasthaus Höchtl) oder im „Grand Bio-Theater“ in Bruckmüllers Gasthaus „Zum Weißen Rössel“ (ab 1914 Neubau des „Hotel Kamptalhof“).

Ein weiterer Schwerpunkt dieser Publikation liegt neben den spektakulären Anfängen von Gars als Sommerfrische auf der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, also einer Epoche, die bisher wenig im öffentlichen Bewusstsein von Gars verankert war. Der Autor dieser Texte, Andreas Weigel, hat auch dazu eine Fülle von Quellenmaterial erschlossen, das sich dem Leser auch in zahlreichen Zitaten darbietet. Dabei geht Weigel im Besonderen auf die zahlreichen Urlauber aus der Wiener Kulturszene ein. Um nur einige Beispiele zu nennen: Die Baumeisterfamilie Lang mit ihrem – später als Hollywood-Regisseur berühmt gewordenen – Sohn Fritz Lang, die Schriftstellerin Friderike von Winternitz – die spätere Gattin Stefan Zweigs – , die einen Sommer in der Mannigfaller Mühle (später Spiegelfabrik Lachmair) verbrachte, den Zeichner und Illustrator Karl Elleder, den Musiker Hanns Eisler mit seiner Gattin Charlotte, den Maler Hans Götzinger und viele andere mehr.

Gleichzeitig war dieser Aufschwung von einem wachsenden Antisemitismus begleitet, der sich auch zunehmend gegen die zahlreichen jüdischen Wiener und Wienerinnen, die einen großen Teil der Garser Sommergäste ausmachten, richtete. So wurde hier bereits 1925 die erste nationalsozialistische Versammlung abgehalten. Der Nährboden dafür war schon vor dem 1. Weltkrieg unter anderem durch Politiker wie den christlich-sozialen Abgeordneten Hermann Bielohlawek gelegt worden, der in Gars wiederholt als Parteiredner auftrat. In der Zwischenkriegszeit spielten Tourismusbetriebe wie die Waldpension, das Thunauer Terrassen-Café und natürlich der Kamptalhof eine wichtige Rolle, wobei Fünf-Uhr-Tees mit Musikgruppen aus Wien oder Krems aber auch aufwändig dekorierte Bälle von Garser Vereinen dokumentiert sind. Der Entwicklung dieser Häuser wird daher ein entsprechender Platz eingeräumt. Die Katastrophe der nationalsozialistischen Übernahme mit ihrer Ausgrenzungs-, Vertreibungs- und schließlich Vernichtungspolitik spiegelt sich auch in der Ortgeschichte wider, wie erstmals veröffentlichte Zeitungsausschnitte belegen.

Der dritte Teil schließlich beschreibt die Entwicklung nach 1945, in der Berühmtheiten wie Fritz Stowasser (der später als Friedensreich Hundertwasser berühmt gewordene Maler), dessen Mutter in der Pension Schuster wohnte oder der Schriftsteller Heimito von Doderer, der im Thunauer Hotel Blauensteiner eine Woche verbrachte, herausragen.

Langsam begann sich der Fremdenverkehr wieder zu erholen und erreichte in der Ära Willi Dungls, der mit seinen Innovationen die Basis für die heutige Zeit legte, einen neuen Höhepunkt. Parallel dazu entwickelte sich auch wieder das sommerliche Kulturleben. Auf der Garser Burg begann 1988 mit Richard Edlinger das Garser Musiktheater, das sich unter der Intendanz von Karl Drgac als Opern-Air- Gars über zwanzig Jahre etablierte und heute mit Burg.Oper.Gars unter Johannes Wildner fortgesetzt wird.

Im Bereich der bildenden Kunst entstand mit Galerien (Galerie Lyra) und den Ateliers Garser Künstler eine neue Kulturszene, die weit über den Ort hinausstrahlt. Überregionale Bedeutung erlangten die Symposien im Schloss Buchberg – „Kunstraum.Raumkunst“, (Dieter und Waltraud Bogner), sowie die von Dieter und Helene Graf initiierte Folge von Symposien und Ausstellungen im Rahmen von „Kunst in der Natur“ auf dem Wachtberg. Letztgenannte kulturelle Institution feiert 2018 ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum und soll im Rahmen einer Ausstellung im Zeitbrücke-Museum dokumentiert werden.

In den vergangenen Jahrzehnten zog es viele Künstler aus dem Wiener Raum zum Zweit- oder Dauerwohnsitz nach Gars wie – um nur einige zu nennen – etwa die Sängerin Marianne Mendt, die Schauspielerin Anne Bennent und den Musiker Otto Lechner, die Künstler Lois Weinberger und Fausto, aber auch den 1998 verstorbenen Sänger Falco.

Die Darstellung dieser aktuellen Entwicklungen in der Garser Kulturszene würde in diesem Kontext wohl den Rahmen sprengen und soll zukünftigen Publikationen vorbehalten sein. Den umfangreichen Text illustriert ein reiches Bildmaterial – teils aus den Beständen des Museums, teils aus privaten und öffentlichen Sammlungen. Dafür sei allen Leihgebern herzlich gedankt!

Anton Ehrenberger
Leiter des Zeitbrücke-Museums Gars

Beitrag aus: Anton Ehrenberger: Vorwort. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017). S. 6ff.

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