Hat Franz von Suppè seinen „Boccaccio“ nachweislich in seiner Sommerfrische Gars komponiert?

Otto Keller versus Sofie von Suppè

Der mit Franz von Suppè verwandte Musikschriftsteller Otto Keller (1861–1928) erwähnt in seiner 1905 veröffentlichten Monografie „Franz von Suppè. Der Schöpfer der Deutschen Operette“, dass Suppé das Libretto des „Boccaccio“ schon seit Sommer 1878 vorlag: „Er ging nach Gars mit dem Versprechen, in der Sommerfrische die Komposition fertig zu stellen. Dort aber hatte er mit der Herrichtung seines prächtigen Sommersitzes gar viel zu tun. Es mußten Garten und Rasen angelegt, Spargelbeete hergerichtet werden und als er im Herbst nach Wien kam, fragte ihn ein Freund, wie es mit dem ‚Boccaccio‘ steht und sagte: ‚Die Direktion ist darauf angewiesen, spiel mir vor, was du fertig hast!‘ Suppé gab zuerst ausweichende Antworten, sprach von Skizzierungen und als der Freund ernstlich in ihn drang, erwiderte er: ‚Ich muß dir etwas sagen, geh mit mir bis zur Uhr (der großen Normaluhr, die vor dem Karltheater in Wien steht), daß uns niemand hört.‘ Dort angekommen sprach er: ‚Lieber Freund, noch kein Notenköpferl habe ich geschrieben.‘“

Auch in seiner 1926 erschienenen Monografie „Die Operette in ihrer geschichtlichen Entwicklung“ kommt Keller auf die amüsant geschilderte Entstehungsgeschichte des „Boccaccio“ zu sprechen, wobei er den Zeitraum auf „Frühsommer 1878“: „Als den größten Erfolg seines Lebens bezeichnete Suppe selbst den ‚Boccaccio‘, der am 1. Februar 1879 über die Bühne des Carltheaters ging. Auch hier war die Partitur schwer aus seinen Händen zu bekommen, den Text hatte er schon im Frühsommer 1878 erhalten, die heißen Monate brachte er in Gars am Kamp, wo er sich einen Landsitz geschaffen hatte, zu. Dort mußte das Haus eingerichtet, der Garten angelegt werden, und als er im September wieder nach Wien zurückkam, war, wie er selbst sagte, ’noch nicht ein Notenköpferl‘ geschrieben.“

Der Musikschriftsteller Keller widerspricht damit als Fachmann Suppès Witwe Sofie, die 1905 mündlich und 1909 auf Wunsch der Familie Pfungen mit der nachfolgend abgelichteten Erklärung schriftlich versichert hat, dass ihr Gatte den „Boccaccio“ 1878 in Gars, Haangasse 27, komponiert habe.

Sofie von Suppès „Boccaccio“-Erklärung („Zeitbrücke Museum“, Inv.Nr. 758. Foto: Ingrid Scherney)
Sofie von Suppès „Boccaccio“-Erklärung („Zeitbrücke Museum“, Inv.Nr. 758. Foto: Ingrid Scherney)

Schwierige Beweiswürdigung

Die heikle Entscheidung, wer von beiden Recht bzw. Unrecht habe, ist schwer zu treffen, da Aussage gegen Aussage steht. Demgemäß sind bei der Beweiswürdigung außer der fachlichen Kompetenz bzw. persönlichen Zeugenschaft die jeweilige Verlässlichkeit sowie die Stimmigkeit aller verfügbaren Zusatz-Detail-Informationen zu bewerten.

Pro

Gegen Kellers Anekdote spricht etwa, dass Suppè das Haus Gars, Nr. 40, erst im Sommer 1879, das Haus Gars, Nr. 45, im Sommer 1880 sowie das Haus Gars, Nr. 41, im Sommer 1883 erworben hat, weshalb er im Sommer 1878, als er bei den Haans gewohnt hat, weder seinen Landsitz einrichten noch Garten, Rasen und Spargelbeete anzulegen hatte.

In diesem Sinn schrieb Hermann Pfungen den nachfolgend abgebildeten Leserbrief, der im Zusammenhang mit einem längeren Zeitungsbericht, der am 16. Juni 1932 im „Neuen Wiener Journal“ über Suppès „Boccaccio“-Premiere erschienen ist und dessen umstrittene Entstehungsgeschichte gestreift hat, eigens hervorhebt, dass Suppè den „Boccaccio“ nicht (wie in der amüsanten Anekdote dargestellt) als Hausherr auf seinem Garser Landsitz (Kremser Straße 40), sondern als Sommergast in der Villa Haan (Haangasse 27) komponiert habe.

„Suppès 'Boccaccio'“. Aus: „Neues Wiener Journal“. 21. Juni 1932, S. 10
„Suppès ‚Boccaccio’“. Aus: „Neues Wiener Journal“. 21. Juni 1932, S. 10

Nachfolgend zitiere ich noch jenen Teil von Gustav Tellheims Artikel über die „’Boccaccio‘-Premiere 1879“, auf den Hermann Pfungens Leserbrief reagiert hat. Schließlich nennt Tellheim im Zusammenhang mit der „Boccaccio“-Anekdote sogar den Namen jenes Theatermitglieds, dem Suppé gebeichtet haben soll, in Gars noch kein „Notenköpferl“ geschrieben zu haben: dem Vernehmen nach war es der Tenor Franz Josef Brakl.

Der Beginn von Gustav Tellheims Artikel „Boccaccio“-Premiere 1879. Aus: „Neues Wiener Journal“. 16. Juni 1932, S. 6.
Der Beginn von Gustav Tellheims Artikel „Boccaccio“-Premiere 1879. Aus: „Neues Wiener Journal“. 16. Juni 1932, S. 6.

Contra

Gegen Sofie von Suppès Überlieferung spricht unter anderem, dass Suppés „Boccaccio“ keinerlei Hinweis oder Vermerk enthält, dass das Werk in Gars komponiert wurde. In diesem Sinne hat beispielsweise die „Stadt Wien“ den Garser Fremdenverkehrsreferenten Walter Minarz im Jahr 1949 informiert, „dass bei ‚Boccaccio‘ kein Hinweis auf Gars vorliege“ und die Bitte um „leihweise Überlassung der Originalpartitur von ‚Boccaccio’“ für die im August 1949 stattfindende „Kunst- und Kulturausstellung“ im Garser Rathaus abgelehnt.

Widersprüchliche Erinnerung an die „Boccaccio“-Entstehung

Am 9. November 1905 veröffentlichte das „Fremdenblatt“ „nach Mitteilungen von Sophie v[on] Suppé“ einen Artikel über „Das Suppé-Museum“. Darin erwähnt Suppés Witwe, dass ihr Gatte den „Boccaccio“ in Gars komponiert habe, was sie durch die Erinnerung bekräftigt, dass sie ihren Mann beim Komponieren des „Boccaccio“-Walzers gestört habe: „Hier [Kremser Straße 40] schuf er seine bedeutsamsten Werke. Den großen Raum, den ich nach seinem Tode als „Suppe-Zimmer“ installierte, benützte er fast ausschließlich für sich. Dort stand sein Klavier, auf dem er nur zu spielen pflegte, wenn er schon an die Instrumentation seiner Werke ging. Hier ersann er alle die Melodien und Weisen, die man später zu seiner Ehre an allen Bühnen sang. In Gars hat er den „Boccaccio“ und alle nachfolgenden Werke komponiert. […] Ich habe ihn nur ein einzigesmal dabei erwischt, als er eine Melodie auf dem Klaviere probierte. Es war der „Boccaccio“-Walzer, zu dessen Klängen ich mich, eine damals noch junge, tanzlustige Frau, in Bewegung setzte. Aber Franz schob mich mit freundlichem Lachen zur Türe hinaus und bat mich, ihn nicht zu stören. Es war damals das erste und einzigemal, daß ich von der Musik meines Mannes vor der öffentlichen Aufführung etwas zu hören bekam.“

„Das Suppé-Museum“ aus: „Fremdenblatt“. 9. November 1905, S. 21.
„Das Suppé-Museum“ aus: „Fremdenblatt“. 9. November 1905, S. 21.

Allerdings bezieht sich Sofie von Suppès Beschreibung dezidiert auf das „Suppe-Zimmer“ im eigenen Landhaus (Kremser Straße 40), das sie sich allerdings erst dank der Einnahmen von „Fatinitza“ und „Boccaccio“ im Sommer 1879 leisten konnten, womit erneut ein weiterer Widerspruch gegeben ist.

Fortsetzung folgt

Für die Klärung der heiklen Frage, ob Franz von Suppè den „Boccaccio“ in seiner Sommerfrische Gars am Kamp komponiert hat, sind noch einige Für und Wider abzuwägen.

Keinen Zweifel gibt es dank zeitgenössischer Medienberichte an der Tatsache, dass sich Suppè nicht erst seit 1878, sondern schon seit 1876 mit der Vertonung des „Boccaccio“-Librettos beschäftigt hat (siehe: Jüngste Funde korrigieren die Entstehungsgeschichte von Suppès „Boccaccio“).

„Suppés Boccaccio“ aus „Tagespost Graz“. 14. November 1876, S. 3.
„Suppés Boccaccio“ aus „Tagespost Graz“. 14. November 1876, S. 3.

 

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