Hat Franz von Suppè seinen „Boccaccio“ nachweislich in seiner Sommerfrische Gars komponiert?

Franz Josef Brakl versus Sofie von Suppè

Besprechung von Franz Josef Brakls 1886 veröffentlichter Operetten-Monografie „Moderne Spieloper“ („Notizen“ aus „Wiener Allgemeine Zeitung“. 15. Dezember 1885, S. 20.)
Besprechung von Franz Josef Brakls 1886 veröffentlichter Operetten-Monografie „Moderne Spieloper“ („Notizen“ aus „Wiener Allgemeine Zeitung“. 15. Dezember 1885, S. 20.)

Der mit Franz von Suppè befreundete Opern- und Operettensänger, Theaterdirektor und spätere Galerist Franz Josef Brakl (1854-1935) erwähnt in seiner bereits 1886, neun Jahre, vor Suppès Tod veröffentlichten Monografie „Moderne Spieloper“, die sich nachweislich in Franz von Suppès Bibliothek befunden hat, ausdrücklich, dass Suppè „kein Notenköpferl“ des „Boccaccio“ in Gars am Kamp geschrieben habe: „Er [= Suppè] ging nach Gars mit dem Versprechen, in der Sommerfrische die Composition fertig zu stellen. Dort aber hatte er sich einen Garten angelegt, Rosen wurden gepflegt, Spargelbeete u.s.w. hergerichtet und als er im Herbst wieder nach Wien kam und ich zufälliger Weise am Theater stand, faßte ich ihn sofort ab und sagte: „Wie steht’s mit ‚Boccaccio‘? Die Direktion [zu der Giesrau als Theater-Sekretär zählt] ist darauf angewiesen! Spiel uns [der Direktion] morgen vor, was du fertig hast!‘ Er gab erst ausweichende Antworten, sprach von Skizzirungen u.s.w. und als ich dann ernstlich in ihn drang, sprach er: „Ich muß Dir was sagen, geh‘ mit mir bis zur Uhr (die große Normaluhr, die vor dem Carltheater in Wien steht) daß uns Niemand hört!“ Dort angekommen, meinte er: „Lieber Freund, noch kein Notenköpferl hab‘ ich geschrieben!“

In der bisherigen Suppè-Literatur wird Franz Josef Brakls (1854-1935) bereits 1886 veröffentlichte Monografie „Moderne Spieloper“, die neben seinem Suppè-Porträt (S.102-113) ein detailliertes Werkverzeichnis von Suppès „Theater-Compositionen“ (S. 114-125) enthält, ausschließlich in Kellers grob entstellter Überlieferung zitiert. Dabei stammen die populärsten Suppè-Anekdoten – wie sich durch meinen Fund herausgestellt hat – aus Brakls Suppè-Porträt, für das ihm einer „der ältesten, treuesten Freunde Suppé’s […] brieflich einige kleine charakteristische Züge des Meisters aus der Zeit, da Suppé noch Kapellmeister am Karl-Theater war“, zugesandt hat. Sei es jene, dass Suppè anstatt im Winter sein Wohn- und Arbeitszimmer zu heizen, es vorzog, selbst daheim dickste Winterkleidung zu tragen, wodurch ihm zwar warm, aber seinen Gästen furchtbar kalt war oder die bekannten Anekdoten über die verzögerten Entstehungsgeschichten von „Fatinitza“ und „Boccaccio“.

Theodor Giesrau: Franz Josef Brakls Gewährsmann

Jene Person, die Brakl als einen „der ältesten, treuesten Freunde Suppé’s“ vorgestellt hat und die Brakl „brieflich einige kleine charakteristische Züge des Meisters aus der Zeit, da Suppé noch Kapellmeister am Karl-Theater war“, zugesandt hat, ist meines Erachtens niemand Geringerer als Theodor Giesrau. Als Schauspieler hat Giesrau bereits ab Ende der 1850er Jahre mit Suppè zusammengearbeitet. Ab Mitte der 1860er Jahre war Giesrau Kanzleibeamter, Kassenbeamter und Theatersekretär des Carl-Theaters – bis Anfang der 1880er Jahre, wodurch er in eben jenem Zeitraum (1875-1879), in denen die „Fatinitza“- und „Boccaccio“-Anekdoten spielen, selbst als Jauners Theater-Sekretär vor Ort war.

Darüber hinaus war er – wie Hans Dieter Roser schreibt – Suppès besonderer Vertrauter: „Seit Carl–Theater-Zeiten verwaltete Theodor Giesrau, der neben seiner Theatertätigkeit eine Agentur für Bühnenrechte in der Josefsgasse führte, die Aufführungsrechte an den Bühnenwerken Franz von Suppés, der ihm bedingungslos vertraute. In Wiener Privatbesitz befindet sich auch die eigenhändige Abschrift eines Sofferl! genannten Vokalquartetts (zwei Tenöre, zwei Bässe) auf ein Gedicht von Theodor Giesrau, von Suppé am 15. Mai 1882 datiert, also zum Namenstag seiner Gattin geschrieben, auf die das Gedicht auch Bezug nimmt. Den Rest des Notenpapiers benützte Suppé am nächsten Tag für einen Brief an Giesrau, der zeigt, dass beide nicht nur geschäftlich, sondern mit den ganzen Familien auch privat eng verbunden waren.“ (Hans-Dieter Roser: Franz von Suppè, S.214f.).

Überdies war Giesrau auch mit Franz Josef Brakl befreundet, wie sich ihr gemeinsamer Freund, der in völlige Vergessenheit geratene Schriftsteller Oskar Geller 1915 erinnert hat.

„Denn „Ich“ ist ein anderer“

Suppés Schwieger-Enkelsohn, der Musikschriftsteller, Otto Keller (1861–1928) hat in seiner 1905 veröffentlichten Suppè-Biografie Brakls Suppè-Arbeit zwar ausgiebig geplündert, aber Brakls Buch „Moderne Spieloper“ nicht eigens als Quelle erwähnt. Dieses Verschweigen der gedruckten Quelle ist besonders ärgerlich, da Keller bei seiner willkürlichen Art des Zitierens aus einem eindeutigen Binnen-Zitat ein gewöhnliches Zitat gemacht hat, wodurch er Franz Josef Brakl und den von Brakl zitierten Ankedoten-Erzähler, bei dem es sich meines Erachtens höchstwahrscheinlich um Suppès langjährigen Duz-Freund Theodor Giesrau (1829-1898) handelt, unzulässig gleichgesetzt.

„Vorbemerkung“ zur und „Beginn“ der „Fatinitza“-Entstehungsanekdote in Franz Josef Brakls Original-Wortlaut. Aus: Franz Josef Brakl: Moderne Spieloper. Mit zwölf Beilagen (Porträts und Handschriften). München / Leipzig: Roth 1886. S.109.
„Vorbemerkung“ zur und „Beginn“ der „Fatinitza“-Entstehungsanekdote in Franz Josef Brakls Original-Wortlaut. Aus: Franz Josef Brakl: Moderne Spieloper. Mit zwölf Beilagen (Porträts und Handschriften). München / Leipzig: Roth 1886. S.109.

Zudem hat Keller die Garser „Boccaccio“-Anekdote dahingehend ausgeschmückt, dass Suppè zu der Zeit als er den „Boccaccio“ vertonen sollte, schon seinen „prächtigen Sommersitz“ in Gars besessen hätte, den die Suppès allerdings erst im Sommer 1879 erworben haben: „Er ging nach Gars mit dem Versprechen, in der Sommerfrische die Komposition fertig zu stellen. Dort aber hatte er mit der Herrichtung seines prächtigen Sommersitzes gar viel zu tun. Es mußten Garten und Rasen angelegt, Spargelbeete hergerichtet werden und als er im Herbst nach Wien kam, fragte ihn ein Freund, wie es mit dem ‚Boccaccio‘ steht und sagte: ‚Die Direktion ist darauf angewiesen, spiel mir vor, was du fertig hast!‘ Suppé gab zuerst ausweichende Antworten, sprach von Skizzierungen und als der Freund ernstlich in ihn drang, erwiderte er: ‚Ich muß dir etwas sagen, geh mit mir bis zur Uhr (der großen Normaluhr, die vor dem Karltheater in Wien steht), daß uns niemand hört.‘ Dort angekommen sprach er: ‚Lieber Freund, noch kein Notenköpferl habe ich geschrieben.‘“‘

In seiner 1926 erschienenen Monografie „Die Operette in ihrer geschichtlichen Entwicklung“ wiederholt Keller die amüsant geschilderte Entstehungsgeschichte des „Boccaccio“, wobei er den Zeitraum mit „Frühsommer 1878“ angibt: „Als den größten Erfolg seines Lebens bezeichnete Suppe selbst den ‚Boccaccio‘, der am 1. Februar 1879 über die Bühne des Carltheaters ging. Auch hier war die Partitur schwer aus seinen Händen zu bekommen, den Text hatte er schon im Frühsommer 1878 erhalten, die heißen Monate brachte er in Gars am Kamp, wo er sich einen Landsitz geschaffen hatte, zu. Dort mußte das Haus eingerichtet, der Garten angelegt werden, und als er im September wieder nach Wien zurückkam, war, wie er selbst sagte, ’noch nicht ein Notenköpferl‘ geschrieben.“

Der exakte Wortlaut von Franz Josef Brakls (1854-1935) Garser „Boccaccio“-Anekdote aus seiner 1886, d.h. rund zehn Jahre vor Suppès Tod veröffentlichten Monografie „Moderne Spieloper“, die sich in Suppès Bibliothek befand.
Der exakte Wortlaut von Franz Josef Brakls (1854-1935) Garser „Boccaccio“-Anekdote aus seiner 1886, d.h. rund zehn Jahre vor Suppès Tod veröffentlichten Monografie „Moderne Spieloper“, die sich in Suppès Bibliothek befand.

Der in Franz Josef Brakls Suppè-Porträt 1886 veröffentlichte Bericht widerspricht somit Suppès Witwe Sofie, die im November 1905 mündlich und im September 1909 – auf Wunsch der Familie Pfungen, die bereits Jahre zuvor an ihrer Villa eine Gedenktafel mit dem Wortlaut „Franz von Suppé hat in diesem Hause drei Sommer 1876 bis 1878 zugebracht und 1878 hier den Boccaccio komponirt“ angebracht hatte – mit der nachfolgend abgelichteten Erklärung schriftlich versichert hat, dass ihr Gatte den „Boccaccio“ 1878 in Gars, Haangasse 27, komponiert habe.

Sofie von Suppès „Boccaccio“-Erklärung („Zeitbrücke Museum“, Inv.Nr. 758. Foto: Ingrid Scherney) Dieses Garser Schriftstück ist offensichtlich eben so wenig vertrauenswert, wie jenes Garser Papier aus dem Jahr 1920, in welchem Sofie von Suppès Geburtsjahr mit 1849 angegeben wird, obwohl sie nachweislich und zweifelsfrei 1841 geboren wurde.
Sofie von Suppès „Boccaccio“-Erklärung („Zeitbrücke Museum“, Inv.Nr. 758. Foto: Ingrid Scherney) Dieses Garser Schriftstück ist offensichtlich eben so wenig vertrauenswert, wie jenes Garser Papier aus dem Jahr 1920, in welchem Sofie von Suppès Geburtsjahr mit 1849 angegeben wird, obwohl sie nachweislich und zweifelsfrei 1841 geboren wurde.

Schwierige Beweiswürdigung

Die heikle Entscheidung, welche Seite Recht bzw. Unrecht habe, ist schwer zu treffen, da Aussage gegen Aussage steht. Demgemäß sind bei der Beweiswürdigung außer der fachlichen Kompetenz bzw. persönlichen Zeugenschaft die jeweilige Verlässlichkeit sowie die Stimmigkeit aller verfügbaren Zusatz-Detail-Informationen zu bewerten.

Pro

Franz Josef Brakls zu Suppès Lebzeiten veröffentlichte Darstellung klingt durchaus glaubwürdig und sie war Suppè zudem bekannt, der übrigens noch im April 1890 mit Brakl nachweislich in freundschaftlicher Verbindung stand.

Gegen Kellers ausgeschmückte Variante von Brakls Anekdote spricht, dass Suppè das Haus Gars, Nr. 40, erst im Sommer 1879, das Haus Gars, Nr. 45, im Sommer 1880 sowie das Haus Gars, Nr. 41, im Sommer 1883 erworben hat, weshalb er im Sommer 1878, als er in der Villa der Familie Haan gewohnt hat, weder seinen Landsitz einrichten noch Garten, Rasen und Spargelbeete anzulegen hatte.

In diesem Sinn schrieb Hermann Pfungen den nachfolgend abgebildeten Leserbrief, der im Zusammenhang mit einem längeren Zeitungsbericht, der am 16. Juni 1932 im „Neuen Wiener Journal“ über Suppès „Boccaccio“-Premiere erschienen ist und dessen umstrittene Entstehungsgeschichte gestreift hat, eigens hervorhebt, dass Suppè den „Boccaccio“ nicht (wie in der amüsanten Anekdote dargestellt) als Hausherr auf seinem Garser Landsitz (Kremser Straße 40), sondern als Sommergast in der Villa Haan (Haangasse 27) komponiert habe.

„Suppès 'Boccaccio'“. Aus: „Neues Wiener Journal“. 21. Juni 1932, S. 10
„Suppès ‚Boccaccio’“. Aus: „Neues Wiener Journal“. 21. Juni 1932, S. 10

Nachfolgend zitiere ich jenen Teil von Gustav Tellheims Artikel über die „’Boccaccio‘-Premiere 1879“, auf den Hermann Pfungens Leserbrief reagiert hat. Schließlich nennt Tellheim im Zusammenhang mit der „Boccaccio“-Anekdote Franz Josef Brakl als jenes Theater-Mitglied beim Namen, dem Suppé gebeichtet haben soll, in Gars kein einziges „Notenköpferl“ des „Boccaccio“ geschrieben zu haben.

Der Beginn von Gustav Tellheims Artikel „Boccaccio“-Premiere 1879. Aus: „Neues Wiener Journal“. 16. Juni 1932, S. 6.
Der Beginn von Gustav Tellheims Artikel „Boccaccio“-Premiere 1879. Aus: „Neues Wiener Journal“. 16. Juni 1932, S. 6.

Contra

Gegen Sofie von Suppès Überlieferung spricht unter anderem, dass Suppés „Boccaccio“ keinerlei Hinweis oder Vermerk enthält, dass das Werk in Gars komponiert wurde. In diesem Sinne hat beispielsweise die „Stadt Wien“ den Garser Fremdenverkehrsreferenten Walter Minarz im Jahr 1949 informiert, „dass bei ‚Boccaccio‘ kein Hinweis auf Gars vorliege“ und die Bitte um „leihweise Überlassung der Originalpartitur von ‚Boccaccio’“ für die im August 1949 stattfindende „Kunst- und Kulturausstellung“ im Garser Rathaus abgelehnt.

Widersprüchliche Erinnerung an die „Boccaccio“-Entstehung

Am 9. November 1905 veröffentlichte das „Fremdenblatt“ „nach Mitteilungen von Sophie v[on] Suppé“ einen Artikel über „Das Suppé-Museum“. Darin erwähnt Suppés Witwe, dass ihr Gatte den „Boccaccio“ in Gars komponiert habe, was sie durch die Erinnerung bekräftigt, dass sie ihren Mann beim Komponieren des „Boccaccio“-Walzers gestört habe: „Hier [Kremser Straße 40] schuf er seine bedeutsamsten Werke. Den großen Raum, den ich nach seinem Tode als „Suppe-Zimmer“ installierte, benützte er fast ausschließlich für sich. Dort stand sein Klavier, auf dem er nur zu spielen pflegte, wenn er schon an die Instrumentation seiner Werke ging. Hier ersann er alle die Melodien und Weisen, die man später zu seiner Ehre an allen Bühnen sang. In Gars hat er den „Boccaccio“ und alle nachfolgenden Werke komponiert. […] Ich habe ihn nur ein einzigesmal dabei erwischt, als er eine Melodie auf dem Klaviere probierte. Es war der „Boccaccio“-Walzer, zu dessen Klängen ich mich, eine damals noch junge, tanzlustige Frau, in Bewegung setzte. Aber Franz schob mich mit freundlichem Lachen zur Türe hinaus und bat mich, ihn nicht zu stören. Es war damals das erste und einzigemal, daß ich von der Musik meines Mannes vor der öffentlichen Aufführung etwas zu hören bekam.“

„Das Suppé-Museum“ aus: „Fremdenblatt“. 9. November 1905, S. 21.
„Das Suppé-Museum“ aus: „Fremdenblatt“. 9. November 1905, S. 21.

Allerdings bezieht sich Sofie von Suppès Beschreibung dezidiert auf das „Suppe-Zimmer“ im eigenen Landhaus (Kremser Straße 40), das sie sich allerdings erst dank der Einnahmen von „Fatinitza“ und „Boccaccio“ im Sommer 1879 leisten konnten, womit erneut ein weiterer Widerspruch gegeben ist.

Fortsetzung folgt

Für die Klärung der heiklen Frage, ob Franz von Suppè den „Boccaccio“ in seiner Sommerfrische Gars am Kamp komponiert hat, sind noch einige Für und Wider abzuwägen.

Keinen Zweifel gibt es dank zeitgenössischer Medienberichte an der Tatsache, dass sich Suppè nicht erst seit 1878, sondern schon seit 1876 mit der Vertonung des „Boccaccio“-Librettos beschäftigt hat (siehe: Jüngste Funde korrigieren die Entstehungsgeschichte von Suppès „Boccaccio“).

„Suppés Boccaccio“ aus „Tagespost Graz“. 14. November 1876, S. 3.
„Suppés Boccaccio“ aus „Tagespost Graz“. 14. November 1876, S. 3.

 

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