Karl Kraus über Suppès Operetten und Nestroy-Vertonung

Karl Kraus über deutschsprachige Operettentexte und Franz von Suppè

Karl Kraus hat es besonders gefreut, dass Franz von Suppè, dessen „theatralisch gut gebauten, oft hinreißenden Operetten […] »Boccaccio«, »Fatinitza«, »Donna Juanita«“ er geschätzt hat, Johann Nestroys „Tischlerlied“ vertont hat, das Kraus wiederholt selbst öffentlich vorgetragen hat, obwohl deutschsprachige Operetten-Texte oft (unfreiwillig) geeignet sind, dem Publikum Schamesröte ins Gesicht zu treiben: „Deutsche Operettentexte, von der Musik losgelöst, sind doch immer etwas, das zugleich Schwermut weckt und Scham für die Leute, die es zu Papier bringen konnten. Auch die handwerklich saubersten Übersetzungen (vielleicht mit Ausnahme der der »Prinzessin von Trapezunt«) rufen entgegen der gewollten Heiterkeit solche Unlustgefühle hervor. Deren völlige Verwandlung gelang nur auf der Bühne selbst, in einer Zeit, die ihr Temperamente beschert hat, und eben mit Werken, die diesen den Spielraum im eigentlichsten Sinne gewährten. Damals und dergestalt war selbst das Mißwort erträglich: durchweg bei Offenbach; bei manchem von Hervé, bei Lecocqs »Madame Angot«, »Giroflé-Girofla«, »Der kleine Herzog«, bei den schon dünneren, gleichwohl anmutigen Werken von Planquette und Audran, bei den theatralisch gut gebauten, oft hinreißenden Operetten von Suppé, wie »Boccaccio«, »Fatinitza«, »Donna Juanita«“. (Karl Kraus: „Die Fackel“. Nr. 917-922, S. 64).

Tischlerlied von Johann Nestroy. Gesangsstimme von Franz v[on] Suppè

Die nachfolgenden „Fackel“-Auszüge bringen Franz von Suppés Vertonung von Nestroys „Tischlerlied“, das „ursprünglich für kleine Orchesterbesetzung ausgearbeitet“ wurde „nach der »Dirigierstimme«“ „deren fehlende Klavierbegleitung“ für Kraus‘ Vortragsabende eigens von Viktor Junk ergänzt wurde.

Karl Kraus: „Die Fackel“. Nr. 679-685 vom März 1925 mit dem „Tischlerlied. Von Johann Nestroy (mit Musik von Franz v[on] Suppè“)
Karl Kraus: „Die Fackel“. Nr. 679-685 vom März 1925 mit dem „Tischlerlied. Von Johann Nestroy (mit Musik von Franz v[on] Suppè“)
„Tischlerlied. Von Johann Nestroy. Gesangsstimme von Franz v[on] Suppè“ (Aus: Karl Kraus: „Die Fackel“. Nr. 679-685, S. 91-94, S. 91).
„Tischlerlied. Von Johann Nestroy. Gesangsstimme von Franz v[on] Suppè“ (Aus: Karl Kraus: „Die Fackel“. Nr. 679-685, S. 91-94, S. 91).
„Tischlerlied. Von Johann Nestroy. Gesangsstimme von Franz v[on] Suppè“ (Aus: Karl Kraus: „Die Fackel“. Nr. 679-685, S. 91-94, S. 92).
„Tischlerlied. Von Johann Nestroy. Gesangsstimme von Franz v[on] Suppè“ (Aus: Karl Kraus: „Die Fackel“. Nr. 679-685, S. 91-94, S. 92).
„Tischlerlied. Von Johann Nestroy. Gesangsstimme von Franz v[on] Suppè“ (Aus: Karl Kraus: „Die Fackel“. Nr. 679-685, S. 91-94, S. 93).
„Tischlerlied. Von Johann Nestroy. Gesangsstimme von Franz v[on] Suppè“ (Aus: Karl Kraus: „Die Fackel“. Nr. 679-685, S. 91-94, S. 93).
„Tischlerlied. Von Johann Nestroy. Gesangsstimme von Franz v[on] Suppè“ (Aus: Karl Kraus: „Die Fackel“. Nr. 679-685, S. 91-94, S. 94).
„Tischlerlied. Von Johann Nestroy. Gesangsstimme von Franz v[on] Suppè“ (Aus: Karl Kraus: „Die Fackel“. Nr. 679-685, S. 91-94, S. 94).

Julius Patzak singt Nestroy-Suppès „Tischlerlied“

Bei YouTube ist das von Franz von Suppè 1856 vertonte „Tischlerlied“ aus Johann Nestroys Zauberposse „Der böse Geist Lumpazivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt“ (1833) in einer Interpretation von Julius Patzak nachzuhören.

„Reporter-Lied“ aus Suppès „Fatinitza“

Kraus‘ Wertschätzung für Suppés „Fatinitza“ wird meines Erachtens durch das gelungene „Reporter-Lied“ verständlich.

JULIAN: Von meiner Redaktion / Führt mich hierher eine Mission, / Als nimmersatter / Kriegsschauplatz-Spezial-Berichterstatter! (Allgemeines Erstaunen.) Wem der Titel scheint zu groß, / Nennt mich kurzweg „Reporter“ bloß.
ALLE: Ein Reporter? / Was ist das!
JULIAN: Ein Reporter ist ein Mann, / Dem man nichts verbergen kann! / Oh, ich bitte, hör’n Sie mich nur an:

Das Notizbuch in der Hand, / Kenn ich überall’ mich aus, / Bin in jeglichem Lokal / orientiert und gleich und zu Haus! / Bin von Allem informiert, / Was den Leser interessiert, / Dring‘ in jeden Zirkel ein, / Sei er noch so exklusiv. / Was in meinem Blatte steht, / Glänzt durch Aktualität, / Ist bald keck und bald naiv / Aber immer objektiv. – / Was noch nicht ganz dezidiert, / Wird zuweilen kombiniert, / Was noch nicht ganz positiv, / Das errat’ ich instinktiv, / Wenn ich jemand tot verkündet, / Der sich noch ganz wohl befindet, / Widerruf’ ich’s ohne Kummer, / Freudigst in der nächsten Nummer. / Jedes distinguierte Paar, / Das geleit’ ich zum Altar. / Wer ins bessere Jenseits zog, / Kriegt von mir ‘nen Nekrolog; / Spende Hinterbliebenen Trost, / Sprech’ beim Fest-Banquet den Toast; / Stehe auch Gevatter gar, / Wenn gebor’n ein Drillingspaar; / Wenn Verdienst wird dekoriert, / Da erfahr’ ich es brühheiß; / Auch kein Selbstmord wird vollführet, / Dessen Ursach’ ich nicht weiß. / Tanze in der Ballsaison, / Steig’ mit auf im Luftballon, / Schreib’ beim Raubmord immer nur / – Polizei ist auf der Spur – / Werde nass bei Überschwemmung, / Bin bei Feuersbrunst nicht faul, / Schlucke Staub bei Prozessionen, / Fall’ beim Rennsport auch vom Gaul. / Liedertafeln und Vereinen, / Konzertisten, groß und kleinen / Auch den Damen vom Theater / Bin ich Helfer, Freund und Vater, / Weiß von jeden Stadtskandal, / Kriege Püffe bei der Wahl; / Weiß, wer im Gemeinderat / Will verzichten auf’s Mandat, / Kurz, ein jegliches Malheur / Weiß ich, – eh’s geschieht vorher! – / Alle diese tausend Dinge / Recht effektvoll zu gruppieren, / Mit drei Strichen – in zwei Zeilen / Treffend zu charakterisieren, / Alles amüsant beschreiben, / Notabene populär, / Und stets bei der Wahrheit bleiben – / Na, das Letzte ist oft schwer! / Aber deswegen / Nur nicht verlegen, / Kundig und findig / Ist der Publizist. / Schlagfertig, spitzig, / Launig und witzig, / Oft etwas dreist, / Doch stets voll Geist – / Kurz, ein Mensch, der mit Talent / Alles weiß und Alles kennt / Und auf Neuigkeiten brennt, / Der permanent / Intelligent, / Als Opponent / Im Element / Und im Moment / Korrespondent, Das ist’s was man Reporter nennt.“

Mich erinnert das „Reporter-Lied“ aus „Fatinitza“ an das „Couplet der Schwarz-Drucker“, das Kraus für seine eigene „Magische Operette“ „Literatur oder Man wird doch da sehn“ geschrieben und auf Schallplatte vorgetragen hat.

Karl Kraus „Das Lied von der Presse“

„Im Anfang war die Presse / und dann erschien die Welt. / Im eigenen Interesse / hat sie sich uns gesellt. / Nach unserer Vorbereitung / sieht Gott, daß es gelingt, / und so die Welt zur Zeitung / er bringt.

Die Welt war es zufrieden, / die auf die Presse kam, / weil schließlich doch hienieden / Notiz man von ihr nahm. / Auch was sich nicht ereignet, / zu unserer Kenntnis dringt; / wenns nur fürs Blatt geeignet – / man bringt.

Wenn auch das Blatt die Läus hat, / die Leser gehn nicht aus; / denn was man schwarz auf weiß hat, / trägt man getrost nachhaus. / Was wir der Welt auch rauben, / sie bringt uns unbedingt / dafür doch ihren Glauben; / sie bringt.

Sie lesen, was erschienen, / sie denken, was man meint. / Noch mehr läßt sich verdienen, / wenn etwas nicht erscheint. / Wir schweigen oder schreiben, / ob jener [= Karl Kraus] auch zerspringt, / wenn uns nur unser Treiben / was bringt.

Die Welt, soweit sie lebend, / singt unsere Melodie. / Wir bleiben tonangebend / von aller Gottesfrüh. / Nach unsern notigen Noten / die Menschheit tanzt und hinkt, / weil Dank sie für die Toten / uns bringt!

Die Zeit lernt von uns Mores, / der Geist ist uns zur Hand, / denn als Kulturfaktores / sind wir der Welt bekannt. / Kommt her, Gelehrte, Denker, / komm, was da sagt und singt, / daß hoch hinauf der Henker / euch bringt!

Wir bringen, dringen, schlingen / uns in das Leben ein. / Wo wir den Wert bezwingen, / erschaffen wir den Schein. / Schwarz ist’s wie in der Hölle, / die auch von Schwefel stinkt, / wohin an Teufels Stelle / man bringt!“

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