Kalter Krieg und kühler Kamp

Im Herbst 1956 bekam der Osten Österreichs seine weltpolitische Randlage wieder deutlicher zu spüren. Die militärische Niederschlagung des Ungarnaufstandes senkte die Investitionsfreudigkeit in den an den Eisernen Vorhang grenzenden Regionen erneut. Zudem wurden damals die touristisch nachteiligen Nebenwirkungen der Kamptal-Kraftwerkskette wahrgenommen: Ausgerechnet während der Badesaison wies der Unterlauf des Kamps durch den gedrosselten Zufluss verminderten Wasserstand, durch die stärkere Versandung geringere Wassertiefe sowie durch das Speicher-Stauseewasser spürbar niedrigere Wassertemperaturen auf.

Demgemäß führte die Absicht der NEWAG, die Kamptal-Kraftwerkskette durch weitere Speicher-Stauseen zu erweitern, die mittels Pump-Kraftwerken mit Donauwasser befüllt werden sollten, zu einer Tagung der Kamptal-Bürgermeister. Dabei stellten die Fremdenverkehrs- und Bäderreferenten fest, „dass durch die bereits bestehenden Kraftwerke schon eine wesentliche Änderung der Wasserzufuhr im Kamp eingetreten“ (1) sei und bei einer weiteren Minderung des Wasserstandes die Kamp-Flussbäder dem Ruin preisgegeben wären. Folglich einigten sich die Bürgermeister bei der NEWAG „alle unbedingt nötigen Forderungen – Garantie eines genügend hohen Wasserstandes das ganze Jahr über und Reinigung des Flussbettes durch Hochwasserablass im Frühjahr – anzumelden.“ (2)

Reich bebilderte Tourismus-Geschichte der Kamptal-Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart mit Selbst- und Fremdzeugnissen dargestellt von Andreas Weigel
Reich bebilderte Tourismus-Geschichte der Kamptal-Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart mit Selbst- und Fremdzeugnissen dargestellt von Andreas Weigel. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum. Gars am Kamp 2017. ISBN 978-3-9504427-0-0.

Im August 1957 kehrte Hanns Eisler mit seiner zukünftigen Frau Stephanie Zucker-Schilling nach Gars zurück, wo sie zwischen 24. und 27. August bei Kraft wohnten. Von diesem Aufenthalt sind sieben Fotografien erhalten, wovon ihn zwei am Garser Hauptplatz vor der Gabelung Apoiger Straße und Kirchengasse, vier vor dem „Hotel Kamptalhof“ sowie eine vor dem Stift Altenburg zeigen.

Eine jener Fotografien, die Eisler vor dem „Hotel Kamptalhof“ zeigt, ist auch in Larry Weinsteins gelungener Hanns-Eisler-TV-Dokumentation „Solidarity Song: The Hanns Eisler Story“ (1996) zu sehen, wenn nach rund 70. Film-Minuten ein Interview mit Eislers Witwe Stephanie erfolgt, bei dem sie auf das Foto zeigt und erklärt, dass es in Venedig aufgenommen worden wäre, wo es sehr schön gewesen sei. – Dabei wurde die Fotografie zweifelsfrei 1957 in der Kamptal-Sommerfrische Gars aufgenommen.

Maren Köster, der Herausgeberin des Hanns-Eisler-Briefwechsels, verdanke ich die Auskunft, dass Eislers unveröffentlichte Briefe wenig über seinen erneuten Gars-Besuch enthalten: „Es gibt eine einzige Erwähnung von ‚Gars‘ in einem Brief vom 9. September 1957 an Stephanie Zucker-Schilling (damals noch so, ab 1958 verheiratete ‚Eisler‘), er beginnt so: Liebe, liebste Steffi! Eben Dein Brief (vom 5. Sept.) und die reizende Photographie. Ich bin sehr gerührt Dich da sitzen zu sehn. Du hast mir damit eine gute Freude gemacht. Daß Dich eine Bemerkung von mir traurig gemacht hat ist mir schrecklich. Entschuldig mich alten Esel! Es soll nie wieder vorkommen, mein Lieblingskätzchen. Das mit dem Shakespeare ist erstaunlich, aber nicht unerklärlich. Wir sprachen öfters über ‚Antonius und Cleopatra‘ (in Gars) und daß Dir das im Traum eingefallen ist, ist nichts unheimliches! (Die Verse sind aus ‚Was ihr wollt‘).“ (3)

Die 1950er Jahre waren in Gars durch stark schwankende Nächtigungszahlen gekennzeichnet: Von 1950 (10.730 Übernachtungen, 1.360 Personen) auf 1951 gibt es einen markanten Einbruch auf 8.790 Übernachtungen (889 Personen), die 1955 wieder auf 15.448 Übernachtungen (1.730 Personen) ansteigen und 1959 mit 6.920 Übernachtungen (789 Personen) den Tiefstand erreichen. (4)

Die schwächelnde Entwicklung des Garser Fremdenverkehrs in den 1950er Jahren überrascht, weil dieses Jahrzehnt als die große Zeit des österreichischen Tourismus gesehen wird, während welcher die Vorjahrsnächtigungszahlen quasi von selbst stiegen. Die davon abweichende Garser Situation war vermutlich eine Nachwirkung der während der sowjetischen Besatzungszeit gelebten Investitionsverweigerung der Hotel- und Gastgewerbebetriebe, die durch die Ungarn-Krise 1956 erneut auflebte.

Anmerkungen

1) Gemeindearchiv Gars. Undatierter Presseausschnitt aus dem „Kleinen Volksblatt“ (um 1958) S. 16.

2) Gemeindearchiv Gars. Undatierter Presseausschnitt (wie Anm. 1).

3) Quelle des Briefzitats: Akademie der Künste, Berlin, Hanns-Eisler-Archiv 6734.

4) Hans Heppenheimer, Sommerfrische Gars am Kamp. Ein geschichtlicher Rückblick. Fortsetzung und Schluß. In: Garser Kulturbrief und Informationsblatt. Nr. 12. September 1968, S. 1–4, S. 1f.

Beitrag aus: Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017). S. 138. ISBN 978-3-9 504427-0-0.

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