André Hellers Wortmeldung gegen die „Kulturschande Tierleid“

KünstlerInnen gegen die Kulturschande Tierleid

Am 22. November 1991 habe ich als Kulturreferent des „Grünen Klubs im Parlament“ für die Grüne Tierschutzsprecherin Madeleine Petrovic eine Pressekonferenz zum Thema „KünstlerInnen gegen die Kulturschande Tierleid“ organisiert, an der Manfred Deix, Gottfried von Einem, André Heller, Lotte Ingrisch sowie die BurgschauspielerInnen Götz von Langheim und Hilke Ruthner teilgenommen haben.

Eingangs wurde ein längerer Ausschnitt von Manfred Karremanns Tiertransport-Videodokumentation gezeigt, den die TeilnehmerInnen als Anlass für ihre Wortmeldungen nahmen.

Nachfolgend wird André Hellers Wortmeldung wiedergegeben, weil er es verstand, jene typischen Vorwürfe, mit denen TierschützerInnen laufend konfrontiert werden, anschaulich zu entkräften, und sie ihn als entschiedenen Tierfreund vorstellen.

Manfred Deix hat diese und viele andere Karikaturen ehrenamtlich für den „Internationalen Bund der Tierversuchsgegner“ gestaltet
Manfred Deix hat diese und viele andere Karikaturen ehrenamtlich für den „Internationalen Bund der Tierversuchsgegner“ gestaltet

André Heller: „Wir haben den letzten Rest an Ausrede verloren“

André Heller (appelliert an die Journalisten): Zunächst einmal möchte ich sagen: Ihr Journalisten – es ist wieder einmal beschämend, wie wenige es sind – aber Sie, die das jetzt gesehen und gehört haben, so wie wir, die das gesehen und gehört haben, haben den letzten Rest an Ausrede verloren. Ich kann Sie nur bitten, dass Sie dies nicht als eine normale Pressekonferenz behandeln, in der irgendein Politiker oder irgendein Wirtschaftstreibender für irgendetwas Reklame machen will.

Das ist auch kein normaler Missstand, der hier aufgezeigt wird. Ich bitte Sie, dass Sie engagiert und so leidenschaftlich wie irgendwie möglich reagieren. Die Artikel, die Sie schreiben werden, die Rundfunksendungen, die Sie machen, den Fernsehbeitrag, den Sie darüber gestalten, gestalten Sie ihn mit einem Engagement, wie Sie es nicht alle Tage haben, wie man nicht auch alle Tage Kraft hat, es zu machen. Ich denke mir, dass Sie von sich selber fordern dürfen, etwas herzustellen, das Menschen wie in einem Stafettenlauf weiter betroffen macht, das sie aufrüttelt.

Ich glaube, es ist dem Dümmsten klar geworden, dass das kein Problem ist, das man bagatellisieren darf, und dass da Dinge passieren, die mit Haltungen – und ich bin da ganz vorsichtig mit solchen Vergleichen – verglichen werden können, wie man mit Menschen im Nationalsozialismus umgegangen ist.

Also meine Forderung an Sie ist, dass Sie von sich viel verlangen. Sie sind der einzige Multiplikator, den wir im Augenblick als Ergebnis dieser Veranstaltung haben; und ich werde mir – das ist keine Drohung – diese Artikel sehr genau durchlesen, die da erscheinen, ich werde was lernen über Sie, die Sie hier waren.

Was ich für meinen Bereich tun kann – und das ist in diesem Zusammenhang Gott-sei-Dank vergleichsweise weniger wichtig, aber es ist immer noch wichtig – ist, dass ich sehr dagegen auftrete, dass Zirkusse Tiere herzeigen. Alle Zirkusse, in denen ich involviert war, haben auf Tiere verzichtet.

Die Legende, dass ein Zirkus zugrunde geht, wenn er nicht Tiere zeigt, ist eine Lüge. Der chinesische Zirkus, den ich seit vielen Jahren mitveranstalte und wo ich Regie führe, ist ein Zirkus, der ohne Tiere auskommt und die Tiere, die man sieht, sind Menschen. Das heißt: Sind Menschen im Tigerkostüm, Menschen im Löwenkostüm; das ist für die Kinder viel lustiger als die wirklichen Bären, die wirklichen Affen oder die wirklichen Pferde.

Auch die reichsten Zirkusse haben eine Tierhaltung, die inakzeptabel ist. Es ist für einen Löwen dann nicht mehr wichtig ob er zwei Quadratmeter mehr Auslauf hat – was immer er hat, ist zuwenig; es ist auch für die Pferde schlecht, ist für die Affen schlecht.

Eigentlich rufe ich zu einem Boykott der Zirkusse auf, die Tiere zeigen. Die meisten Zirkusse haben noch diese Winterschandnummer, wo sie dann mit den Tieren – in Wien ist das weniger der Fall, aber in Deutschland sieht man es sehr oft – in den Strassen betteln. Da steht einer mit einem räudigen Bären auf einem Platz und sagt, er braucht Tierfutter. Man soll diese Zirkusse nicht unterstützen, weil man das Leiden verlängert. Also da, glaube ich, müsste es auch zu einer gesetzlichen Lösung kommen. Das Ganze, worüber zu reden ist, sind ja gesetzliche Lösungen.

Man müsste einmal die österreichischen Politiker, den ganzen Nationalrat und die Bundesregierung in einen Raum einsperren und ihnen 1 ½ Stunden solche Filme zeigen. Wenn also die „Grünen“ nichts anderes getan hätten, als auf dieses Problem hinzuweisen, dann wär’s schon richtig gewesen sie zu gründen. Das ist alles, was ich zu sagen habe. Aber ich wiederhole noch einmal: Ich verlange von Ihnen, dass Sie einen unglaublich engagierten, leidenschaftlichen, brennenden Beitrag über diese Pressekonferenz machen.

Journalist: Kommen Sie sich nicht ein bisserl lächerlich vor, weil Sie sich hier so echauffieren, grob gesagt, über das Rohmaterial für die Wurstsemmel – und diese Filme so verabscheuungswürdig sehen, wenn wir die ganze Zeit in „Zeit im Bild“ sehen, was einige paar hunderte Kilometer südlich passiert [der damalige Bürgerkrieg in Jugoslawien], was den Menschen dort unten angetan wird.

André Heller: Das ist ein Einwand, der in sehr vielen Situationen unheimlich oft kommt und er hat an einem Rand den Vergleich, warum wir was für Ausländer tun, solange es in Österreich noch Arme gibt usw.

Journalist: Zwischen Ausländern und Tieren ist vielleicht ein Unterschied.

André Heller: Nein. Es gibt Leben, das wir schützen wollen, und dazu zählen Pflanzen und Menschen und Tiere. Bei mir zählen auch Gebäude dazu, muss ich sagen.

Es gibt ja auch die Vorstellung, dass Architektur etwas wichtiges sein könnte und es hindert uns doch nicht – wir sind alle gegen Krieg, aber gleichzeitig macht es doch wirklich Sinn – gegen Quälen überhaupt zu sein. Wo ist denn das Problem? Jemand, der so einen Tiertransport veranstaltet, der kann ihn einfach unterlassen mit unserer Hilfe, mit Gesetzen, die das verändern und gleichzeitig können sich Menschen darum kümmern, dass kein Krieg stattfindet. Ich sehe da wirklich auch nicht den geringsten Ausschließungsgrund. Wo ist Ihr Problem? Erklären Sie mir das. Ich möchte es gerne verstehen.

Journalist: Ja, ich würde gerne den Unterschied zwischen Mensch und Tier von ihrer Seite aus sehen. Oder gibt’s keinen Unterschied?

André Heller: Also, da ist ein Mensch und da ist eine Katze und Sie stehen vor diesen beiden und in Ihnen sagt eine Stimme: „Ich habe zwar eine Aggression auf diesen Menschen, aber ich werde ihn nicht schlagen“. Dann ist es doch genauso legitim zu sagen: „Ich werde auch dieses Tier nicht schlagen“. Oder sagen Sie: „Den kann ich nicht schlagen, darum trete ich dem Tier auf den Kopf?“

Was hindert Sie, beide Dinge nicht zu tun? Es ist doch eine Frage Ihrer Moral, es eine Frage Ihrer inneren Haltung. Entweder man hat eine Vorstellung davon, was Respekt vor Leben bedeutet oder nicht, und wenn man sie hat, sollte sie generell sein. Dann werden Sie nicht zu einer Orchidee oder zu einer Pflanze im Park gehen und eine Blüte runterreißen; und Sie werden nicht einen Hund treten, und Sie werden nicht einen Regenwurm austreten, und Sie werden nicht eine Waffe ergreifen. Ich möchte wissen, wo Ihr Problem ist, alle diese Dinge gleichzeitig zu machen?

Während dieser Diskussion konnte es sich Manfred Deix nicht verkneifen, auf seine erfrischend direkte Art jenen Journalisten zu kritisieren, der Tiere als „Rohmaterial für die Wurstsemmel“ bezeichnet hat. Darauf Heller zu dem Journalisten:

André Heller: Sie müssen das aushalten, die Aggressionen von Deix, da der Deix das sehr ernst nimmt. Der Deix ist so engagiert, dass ich auch vor seiner Aggression Respekt habe. Ich habe den Film heute zum ersten Mal gesehen, aber jemand, der sozusagen jahrelang mit dieser Thematik lebt, hat ein Recht auf diese Art von aggressiver Verzweiflung, weil es einfach unerträglich ist, wie die Welt mit diesen Dingen umgeht.

Ich denke mir, als Mensch muss man eine Generalhaltung anwenden. Diese Haltung hat man anzuwenden in jeder Situation. Und eine Haltung, die sich ausblendet – für Weiße bin ich der liebste Mensch, aber bei Juden bin ich mehr dafür, dass man hinhaut, mit Negern habe ich mich arrangiert und Tiere gehören umgebracht – ist keine Haltung.

Das ist eine Haltung, eine weit verbreitete, aber nicht eine, für die wir hier stehen – und sitzen wollen. Ich denke mir, ob man ein Mensch ist, erweist sich an der Summe seiner Handlungen. Manche Leute sind Entwürfe zu Menschen und haben noch viel vor sich, um einen Menschen aus sich selber zu machen. Ich zähle mich zu denen, die noch weit vom Ideal ihrer selbst entfernt sind.

Der Krieg ist eine Schrecklichkeit, die Behandlung gegenüber Minderheiten ist eine Schrecklichkeit, der Ausländerhass ist eine Schrecklichkeit, die Tierhaltung ist eine Schrecklichkeit. Heute aber reden wir über die Tierhaltung. Aber wir würden über alle anderen Themen mit dem gleichen Engagement reden.

(Dieser Beitrag wurde 1992 in der Zeitschrift „transparent“, Heft 1/1992, des „Internationalen Bundes der Tierversuchsgegner“ erstveröffentlicht)

Siehe auch: Tierschutz-Interview mit Manfred Deix (August 1990)

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