Geliebte Kamptal-Sommerfrische: Trude Marziks zwiespältiges Gars-Porträt

1913 war für das im Bau befindliche „Hotel Kamptalhof“ noch „Weißes Rössel“ als Name vorgesehen.
1913 war für das im Bau befindliche „Hotel Kamptalhof“ noch „Weißes Rössel“ als Name vorgesehen.

Gars war das teils beneidete, teils angefeindete Zentrum der Kamptal-Sommerfrischen, weshalb jenes ambivalente Gars-Porträt interessant ist, das die 1923 geborene Schriftstellerin Trude Marzik, die zwischen 1933 und 1940 alle Sommerferien außer 1934 in Plank verbracht hat, in ihrer 1994 erschienenen Autobiografie „Geliebte Sommerfrische“ zeichnet: „Gars war unser beliebtestes Fahrziel. […] Gars war gegen Plank beinahe eine Weltstadt. Dort gab es ein Hotel, ein Kaufhaus, ein Kino, Tennisplätze, eine Konditorei und sogar ein Park-Café. Alles das hatte Plank nicht aufzuweisen. In Gars machte eine gehobenere Publikumsschicht Urlaub. Im Hotel Kamptalhof, das behäbig, beinahe protzig im Zentrum des Ortes stand, wohnten elegante Leute, zu vergleichen etwa mit der Klientel, die den Semmering bevölkerte.“ (1)

„Kamptal-Lichtspiele“, Schriftzug des ehemaligen Kinos in Gars am Kamp. Wim Wenders' großartiges (Fritz Lang gewidmetes) Road-Movie „Im Lauf der Zeit“ lässt bitter und süß grüßen.
„Kamptal-Lichtspiele“, Schriftzug des ehemaligen Kinos in Gars am Kamp. Wim Wenders‘ großartiges (und Fritz Lang gewidmetes) Road-Movie „Im Lauf der Zeit“ (1976) lässt bitter-süß grüßen (Foto: Andreas Weigel).

Das „nächste Kino war in Gars und durchaus kein Vergnügen.“ (2) „Welche Filme man dort spielte, weiß ich freilich nicht mehr. Sicherlich uralte, denn der Film riss zwei- bis dreimal während der Vorstellung. Dann wurde es Licht, das Publikum ging in den Hof und rauchte sich eine an. Wenn der Film endlich geklebt war, strömte alles wieder in den Saal, um die Fortsetzung zu sehen. Zuerst fanden wir das lustig, aber bald verzichteten wir auf diesen fragwürdigen Kunstgenuss und legten das ersparte Geld lieber in Süßigkeiten an.“ (3)

Aber auch Gars’ gastronomisches Angebot wirkte auf die von Wien verwöhnte Marzik so wenig überzeugend, dass sie es bleibend in schlechter Erinnerung behielt: „Wir gönnten uns gelegentlich einen Besuch in der Konditorei, obwohl es auch dort mit dem Genuss nicht weit her war. Mit dem vielversprechenden Wort ‚Konditorei‘ hatte der winzige Laden nicht viel zu tun. Es standen wohl ein, zwei weiße Tischchen dort, aber zu kaufen gab es außer trockener Mürbteigbäckerei, Schnitten und sauren Zuckerln höchstens noch ein Sodahimbeer. Alles in allem war ein Besuch in Gars nicht besonders aufregend.“ (4)

Kamegger Grant-Hotel

Als Marzik in den 1950er Jahren mit ihrem Kind in dem Gars benachbarten Kamegg auf Sommerfrische war, erregte das unwirtliche Benehmen einer Hotelbesitzerin, die ungeniert vorlebte, wie man zahlende Gäste nachhaltig vertreibt, Marziks Missfallen: „Das Hotel wurde von einem jungen Mann, seiner Mutter und seiner Großmutter betrieben. Er hatte nichts zu reden, das Regiment führten die beiden Frauen, besonders die alte, und es war ein strenges. Sie herrschten nicht nur über den Sohn, sondern auch über die Gäste. Man durfte sich nichts zuschulden kommen lassen, sonst wurde man niedergekeppelt. Abends länger als neun Uhr im Zimmer Licht zu brennen wurde nicht geduldet. Da keifte die Uralte laut und für alle hörbar, was denn das für eine Verschwendung sei bei den teuren Strompreisen. Und als es zum Abendessen Würstel mit Kohlrüben gab und jemand wagte, ein bisschen Senf dazu zu verlangen, wurde das strikt verweigert: Die Kohlrüben müssen gegessen werden, daher kein Senf.“ (5)

Anmerkungen

1) Trude Marzik, Geliebte Sommerfrische (Wien 1994) S. 101f.

2) Marzik, Geliebte Sommerfrische (wie Anm. 1) S. 75.

3) Marzik, Geliebte Sommerfrische (wie Anm. 1) S. 102f.

4) Marzik, Geliebte Sommerfrische (wie Anm. 1) S. 103.

5) Marzik, Geliebte Sommerfrische (wie Anm. 1) S. 149.

Beitrag aus: Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017). ISBN 978-3-9504427-0-0. S. 109f. und 132f. (Preis: 16.- Euro).

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