Niedergang und Neu-Aufschwung der Kamptal-Sommerfrische Gars-Thunau

Im doppelten Wort-Sinn überlebt: Dampflok (Foto: Andreas Weigel)
Im doppelten Wortsinn überlebt: Dampflokomotive (Foto: Andreas Weigel)

Es war die Eisenbahn, der Gars seinen Aufstieg zur Sommerfrische verdankte, und aus vielerlei Gründen fuhren im Kamptal noch Dampflokomotiven, als andernorts längst nur noch Diesel- und Elektroloks zum Einsatz kamen. Als im September 1972 auch auf der Kamptalbahn die Ära der Dampflokomotiven endete, verlor Gars ein Stück Eisenbahnromantik, eine lieb gewonnene und vertraut gewordene Attraktion.  (1) Denn die Dampflokomotiven gehörten vor allem für die Gäste des Thunauer Hotel- und Terrassencafés, die mehrmals täglich von der Terrasse aus gespannt die imposanten Rauchwolken betrachteten, zum gewohnten Bild der Kamptal-Sommerfrische Gars, weshalb es nur konsequent schien, dass mit der Dampflok-Epoche auch bald die große Zeit der Sommerfrische Gars-Thunau zu Ende gehen sollte.

Doch zuerst endete noch die Verkehrsbüro-Ära des Kamptalhofs, den die Gemeinde mit 16. Juli 1973 an die früheren Pächter des Stiftrestaurants Göttweig, Ernst und Marianne Krischke, verkaufte, die das Haus erneut „als Familienbetrieb mit Gaststätte, Restaurant und Beherbergung“ (2) betrieben, aber 1980 weiterverkauften.

Eine andere Neuerung betraf das kulturelle Angebot, das 1974 durch das Heimatmuseum sowie die Suppé-Gedenkstätte erweitert wurde. Nachdem der Garser Ehrenbürger und Sommer-Stammgast Suppé jahrzehntelang das kulturelle Aushängeschild von Gars gewesen war, lag es nahe, in seiner früheren Garser Sommervilla erneut eine Gedenkstätte einzurichten. Sie wurde 1990 geschlossen und 1995 durch einen Gedenkraum im Rathaus ersetzt, der 2002 ins Zeitbrücke-Museum übersiedelt wurde.

Die Nächtigungen lagen 1973 laut Medienberichten bei rund 25.000.  1974 war die Nächtigungsbilanz „etwas schwächer, brachte aber immer noch über 20.000 Nächtigungen. Das Defizit von ca. 5.000 Besuchern [meint: Nächtigungen] ist auf rückläufigen Ausländerbesuch zu buchen.“ (3) Tatsächlich war 1974 für den österreichischen Tourismus das Jahr der Trendumkehr. Damals geschah „das bis dahin Denkunmögliche. Die Nächtigungszahlen gingen zum ersten Mal in der Zweiten Republik zurück. Bis 1973 gab es jährliche Steigerungsraten von 7 bis 16 Prozent. […] Der Einbruch hatte verschiedene Gründe. Österreich wollte sich nicht mehr länger als Billig-Urlaubsland positionieren. Die Mehrwertsteuer wurde eingeführt, zusätzlich stiegen die Preise aufgrund einer höheren Inflationsrate. Die Erdölkrise vom Herbst 1973 tat ihr Übriges zu den noch nie dagewesenen Minuszahlen. Außerdem kam es in jenen Jahren zu einem veränderten Urlaubsverhalten, vor allem bei den deutschen Nachbarn. Bereits in den 1960er-Jahren wurde der Strandurlaub immer populärer und billige Charterflüge ersetzten zunehmend den Österreich- Urlaub mit dem Auto.“ (4)

Als im November 1976 das „Wachau, Wald- und Weinviertel“-Heft der Monatszeitschrift „Merian“ erschien, enthielt die 200 Seiten starke Ausgabe keinen einzigen Artikel über Gars, das lediglich durch Inserate der Gemeinde sowie des Hotel Kamptalhof vertreten war, der von der Eigentümerfamilie Krischke als „[g]utbürgerliches Haus mit jedem Komfort“ (5) beworben wurde. Die Gemeinde selbst präsentierte sich als traditionsreicher Kur- und Erholungsort mit einer reichhaltigen Angebotspalette in den Bereichen Gesundheit, Hobby und Sport, die jedem etwas biete, sowie als idealer Ausgangspunkt für lohnende Ausflüge zu nahen Burgen und Schlössern. Bei den Gesundheitsbädern wurde der Neydhartinger Heilschlamm durch jenen aus dem slowakischen Pistyan ersetzt. Als Freizeitaktivitäten standen dem Zeitgeist folgend Do-it-yourself-Kreativität (Kurse in Fotografie, Hinterglasmalerei, Keramik, Malen, Töpfern und Zeichnen) und Fitness im Mittelpunkt.“ (6)

Der Garser Fremdenverkehr befand sich auf dem absteigenden Ast, als 1977 der Urlaub für Arbeiter und Angestellte auf vier Wochen ausgeweitet wurde. Von den drei größeren Hotel-Pensionen (Blauensteiner, Schuster, Waldpension) schloss Ende 1979 die auf dem Schlossberg gelegene „Hotel-Pension Schuster“, die dank ihrer Dach- und Gartenterrasse sowie schaufenstergroßen Restaurantverglasung eine herrliche Aussicht auf Gars und Umgebung bot. In lebhafter Erinnerung blieb mir die befremdlich anmutende Äußerung des Wirtes Pavel, dass jederzeit „der Russe“ kommen und alles holen könne, weshalb langfristige Investitionen, die man bei der überstürzten Flucht zurücklassen müsste, sinnlos wären. Seine Sorge, vor einmarschierenden Russen flüchten zu müssen, schien mir Elfjährigen, dessen Hauptwohnsitz hinter dem sicheren Arlberg an der Schweizer Grenze lag, absurd und unverständlich. Inzwischen wurde mir bewusst, dass Gars nur eine Panzerstunde vom „Eisernen Vorhang“ entfernt war und das Gespräch im August 1973, fünf Jahre nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“, stattgefunden hat.

In diesem Werbe-Prospekt der „Hotel-Pension Schuster am Schloßberg“ ist noch der herrliche Ausblick vom Kaffee- und Grillrestaurant“ auf die Garser Gegend zu sehen, der mit herrlichen Grill-Tellern gewürzt und mit leckeren Bananensplits versüßt wurde.
In diesem Werbe-Prospekt der „Hotel-Pension Schuster am Schloßberg“ ist noch der herrliche Ausblick vom Kaffee- und Grillrestaurant“ auf die Garser Gegend zu sehen, der mit herrlichen Grill-Tellern gewürzt und mit leckeren Bananensplits versüßt wurde.

Dungl-Ära, turnschuhfitter Fremdenverkehr

Gegen eine andere Bedrohung, die Errichtung weiterer Kampfkraftwerke, formierte sich 1980 eine Bürgerinitiative, um die verbliebene Flusslandschaft für Mensch, Tier und Tourismus zu erhalten. Gars war in den 1980er Jahren so gut wie vollständig im touristischen Abseits gelandet, was erneut mit dem Kamptalhof zu tun hatte: „Die wenig ruhmvolle Geschichte des 1914 eröffneten Hauses […] hatte als vorläufige Endstation die Verurteilung des Letztbesitzers wegen fahrlässiger Krida gesehen. Um ihre hohen Pfandrechte zu wahren, hatte die örtliche Raiffeisenkasse das Hotel um zwölf Millionen ersteigert.“ (7) Als sich im Jahr 1980 die Nächtigungszahlen gegenüber dem Jahr 1970 nahezu halbiert hatten, spendete die Erklärung Trost, dass der Rückgang zum Teil davon herrühre, dass aus Sommer-Stammgästen im Lauf der Jahre Zweitwohnsitzer geworden wären: „In Gars war 1980 die Übernachtungsziffer von 12.576 festgestellt worden, was seit dem Jahr 1970 mit 22.653 einen Rückgang von ca. 44% ergab. Es war nicht nur das große Fernweh unserer angestammten Wiener Sommergäste, sondern auch die immer größere Zahl der Zweitwohnungsbesitzer an dem Rückgang schuld, die ja aus der Übernachtungsstatistik herausfielen.“ (8)

Das Garser Gästezimmer-Verzeichnis für das Jahr 1984 vermerkt den Umbau des „Hotel Kamptalhof“ „zum Bio-Kurhotel Gars/KP“. Die „Hotel-Pension Schuster“ war damals schon Geschichte
Das Gästezimmer-Verzeichnis für das Jahr 1984 vermerkt den Umbau des „Hotel Kamptalhof“ „zum Bio-Kurhotel Gars“. Die „Hotel-Pension Schuster“ war schon Geschichte.

Die mit dem Einbruch des Fremdenverkehrs einhergehende Absicht, den mittleren Kamp stärker für die Stromgewinnung zu nutzen, konnte von einer Bürgerinitiative abgewehrt werden, deren Interessen sich mit den Vorstellungen des politisch, medial und wirtschaftlich einflussreichen Gesundheitspapstes Willi Dungl deckten, der die ihm Mitte der 1980er Jahre angetragene Wiederbelebung des Garser Tourismus von der intakten, naturnahen Umgebung abhängig machte: Dungls sanftes Tourismus-Konzept konnte sich erfolgreich gegen den Ausbau der Kampkraftwerke durchsetzen.

Durch die im Juni 1986 erfolgte Eröffnung des um- und ausgebauten Kamptalhofs als Willi Dungls „Bio Trainingshotel“, den Fall des „Eisernen Vorhanges“ 1989, die 1990 gestarteten „Opern-Air“-Aufführungen auf der Burgruine sowie die zwischen 1992 und 1996 vorbereitete Errichtung des „Kulturparks Kamptal“ hat Gars als Kur- und Sommerfrischeort erneut überregionale Bedeutung erlangen können. Seither wissen bzw. wussten Stars und Künstler, wie Anne Bennent, Richard Edlinger, Falco, Karlheinz Hackl, Otto Lechner, Marianne Mendt und einige andere mehr, Gars zu schätzen, indem sie es zu einem ihrer Lebensabschnittsmittelpunkte machten.

Der Garser Altbürgermeister Anton Schrammel berichtete im persönlichen Gespräch, dass sich die Garser Gemeindevertreter ganz bewusst für Dungl als Betreiber des Kamptalhofs entschieden haben, „weil sie erkannt hatten, dass er dank seiner Ideen und Visionen wie kein anderer in der Lage war, den Kamptalhof als Leitbetrieb für den Fremdenverkehr zu etablieren, die regionale Wirtschaft anzukurbeln und dringend erforderliche Arbeitsplätze in der Region zu schaffen“, was der Gemeinde, dem Land und dem Bund auch einiges Steuergeld wert war. (9) Dungl wusste dies und stellte zahlreiche Forderungen, die gelegentlich mit berechtigter Kritik quittiert wurden. Schien 1984 die simple Umsetzung der von ihm verlangten verkehrsberuhigten Fußgängerzone am Garser Hauptplatz illusorisch, gelang es ihm später, für sein „China-Zentrum“ einen Standort bewilligt zu bekommen, der ihm streng genommen sowohl durch Denkmal- als auch Hochwasserschutz versagt war. (10)

Trotz aller berechtigten Kritik bleibt unbestritten, dass Dungl durch sein fachliches Können, seinen guten Ruf und seine Gäste dem Garser Fremdenverkehr auf die Sprünge geholfen, ihn wieder fit gemacht hat. Durch seinen Einfluss auf maßgebliche Vertreter von Sport, Politik, Wirtschaft und Kultur trug er laut Altbürgermeister Schrammel „wesentlich dazu bei, die Naturheilkunde sowie die biologische Landwirtschaft zu popularisieren und breitenwirksam salonfähig zu machen“. (11) Seit der Eröffnung des „Bio Trainingshotels“ am 18. Juni 1986 war Dungl das Zugpferd des Garser Fremdenverkehrs und er sorgte nebenbei für weitere Fremdenverkehrsattraktionen, indem er beispielsweise Falco nach Gars brachte, der sich im September 1987 in Manigfall eine Villa gekauft hat, aus der ein Falco-Museum werden könnte. In der wechselvollen Geschichte des Kamptalhofs nimmt die Ära Dungl nach der Familie Spacek zeitlich den zweiten Platz ein. Die Nächtigungszahlen und Dungls prominente Besucherschar belegen, dass er das Haus gut geführt hat.

Der Erfolg des „Bio Trainingshotels“, das Arbeitsplätze schuf und sicherte, erlaubt einen Seitenblick zum gleichfalls traditionsreichen Hotel und Terrassen-Café Blauensteiner, das Franz Blauensteiner 1980 von seinem Vater übernommen hat. Das architektonisch interessante Gebäude diente bis 1992 Mitarbeitern des „Bio Trainingshotels“ als Quartier, wurde dann aber trotz des touristischen Aufschwungs ruhend gemeldet und seither dem langsamen Verfall überlassen, der 2002 durch das Jahrhunderthochwasser beschleunigt wurde. Im Unterschied dazu wirbt die geschichtsreiche „Waldpension“, in deren Gästebuch der Lyriker, Schriftsteller und Übersetzer H. C. Artmann 1985 festgehalten hat, dass es „immer wieder schön [sei], einige Stunden hier zu weilen“, (12) noch heute mit „Sommerfrische in einer Jahrhundertwendevilla“. Gisela Wozniczak hat den Betrieb nach einem Vierteljahrhundert 1960 an ihre Tochter Mathilde Mück übergeben, die das Haus nach weiteren 35 Jahren ihrer Tochter, Barbara Mück, anvertraut hat, die es seit 1995 leitet und gelegentlich an bekannte Stammgäste der Waldpension erinnert: Beispielsweise an Kurt Schubert (1923–2007), der Gründer des Instituts für Judaistik an der Universität Wien sowie des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt war und gemeinsam mit seiner Frau der Kunsthistorikerin Ursula (1925–1999) als interdisziplinäres Forscherteam den Einfluss jüdischer Motive in der frühchristlichen Ikonographie untersucht hat.

Eisenbahnromantik: Dampflokomotive auf dem Abstellgleis (Foto: Andreas Weigel)
Eisenbahnromantik: Dampflokomotive auf dem Abstellgleis (Foto: Andreas Weigel)

Anmerkungen

1) Paul Liebhart, Wolfgang Andraschek und Gerhard Baumrucker, Die Kamptalbahn (Erfurt 2010) S. 31.

2) Garser Kulturbrief. Nr. 5. Juli 1973, S. 6.

3) Gemeindearchiv Gars. Presseausschnitt vom 6. Februar 1975.

4) Christian Maryška, „Die österreichische Rüstungsindustrie heißt Fremdenverkehrspolitik“. Zur Entwicklung des Sommertourismus in Österreich. In: Christian Maryška und Michaela Pfundner (Hg.), Willkommen in Österreich (Wien 2012) S. 18–39, hier S. 37f.

5) Inserat des Hotel Kamptalhof. In: Merian. Wachau, Wald- und Weinviertel (November 1976) S. 182.

6) Inserat der Sommerfrische Gars. In: Merian. Wachau, Wald- und Weinviertel (November 1976) S. 182.

7) Maria Enigl, Ein Dorf geht schwanger. Willi Dungl baut in Gars am Kamp sein „Bio-Weltzentrum“. In: profil. Nr. 19. 7. Mai 1984, S. 60–64, hier S. 64.

8) Garser Kulturbrief. Nr. 12. November 1993, S. 2.

9) Gespräch mit Anton Schrammel am 16. April 2014 in Gars am Kamp.

10) Gerald Stefan, Flut traf Dungl-Prachtbau in Sperrzone. Willi Dungl baute sein heuer überflutetes China-Zentrum in Gars mitten ins Hochwasser-Schutzgebiet. Flächenwidmungsplan und Denkmalschutz mussten weichen. In: Wirtschaftsblatt. 10. September 2002, A20.

11) Gespräch mit Anton Schrammel (wie Anm. 8).

12) H.C. Artmann, Eintrag im Gästebuch der Waldpension. 6. August 1985.

Beitrag aus: Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017). ISBN 978-3-9504427-0-0. S. 145-148.

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