Geschichte und Vorgeschichte der Waldpension Gars

Werbeschild der Waldpension Gars (Foto: Andreas Weigel)
Werbeschild „Waldpension Gars“ (Foto: Andreas Weigel)

Von der wechselvollen Geschichte und Vorgeschichte der Garser Waldpension finde ich zwei Aspekte besonders interessant: 1.) Bauherr war 1895/96 der Wiener Stellfuhrwerksunternehmer Leopold Zehetgruber, der mit der populären Wiener Volkssängerin Leopoldine Kutzel verheiratet war. 2.) Seit Mitte der 1930er Jahre gehörte die Jahrhundertwende-Villa dem zeitgeschichtlich interessanten Ehepaar Gisela und Isidor Wozniczak, die als Sozialdemokraten (im Interesse ihrer Gäste und Freunde) wiederholt couragiert gegen die antisemitischen Unrechtsgesetze der Nationalsozialisten gehandelt haben.

In den Jahren 1895/96 ließ das Wiener Ehepaar Leopold und Leopoldine Zehetgruber in Gars eine Villa (Nr. 118) errichten, die es teils selbst bewohnte, teils an Sommergäste vermietete. (1)

Sommerwohnung in der Villa Zehetgruber (Aus: Neues Wiener Journal, 2. Juni 1897, S. 12)
Sommerwohnung in der Villa Zehetgruber (Aus: Neues Wiener Journal, 2. Juni 1897, S. 12)

Die Nachfrage war so groß, dass um 1900 ein Aus- und Zubau erfolgte. Nachdem die Zehetgrubers im Frühjahr 1903 ihre zweite Garser Villa (Nr. 147) bezogen hatten, boten sie ihre erste Garser Villa in einem Inserat zum Tausch gegen ein Haus in Wien an. (2) Gegen Jahresende 1903 wurde die Villa vom Wiener Realitätenbesitzer Albert Frankl erworben, der die Garser Wohnungen gleichfalls an Sommergäste vermietete, bevor er die Villa im Winter 1919/20 an Leopold Lindner verkaufte, der darin die „Pension Lindner“ als Gasthaus (3) betrieb.

„Pension Lindner“

Über die „Pension Lindner“ ist wenig bekannt, da die Gars-Chronisten und Garser Chroniken die Geschichte und Vorgeschichte der wesentlichen Garser Tourismus-Betriebe ignoriert haben. Demgemäß beschränken sich die öffentlich zugänglichen Informationen auf historische Adressbücher und Ansichtskarten, Grundbucheinträge, Zeitungsmeldungen und Inserate. Eines dieser raren Zeugnisse ist Rudolf Mosses „Adressbuch von Österreich“, das in der „Ausgabe 1928“ Leopold Lindner als Gastwirt anführt  (4) und in der „Ausgabe 1931“ Johanna Lindner als Gastwirtin verzeichnet. (5)

„Pension Lindner“ wird „Waldpension“

Im österreichischen Schicksalsjahr 1934, das durch Bürgerkrieg, Nazi-Putsch und Dollfuß’ Ermordung erschüttert wurde, bewarb das zeitgeschichtlich interessante Ehepaar Isidor und Gisela Wozniczak die von ihnen geführte, weil zwangsverpachtete, Pension Linder als Entspannungs- und Erholungszone: „Ruhe, Sonne, Wasser. Pension Lindner, Gars am Kamp. Staubfrei, eigen[es] Bad und Boote, ab S[chilling] 5.50 [entspricht 2017 einer Kaufkraft von rund 19,– Euro] Prospekte.“ (6)

Die Wozniczaks waren im Frühjahr 1920 von Wien nach Kamegg gezogen, wo seine Eltern lebten. Die in der Steiermark geborene Gisela Laferl (1884–1968) hatte mehrere Jahre als Hausangestellte in der Schweiz gearbeitet, bevor sie 1910 nach Wien zurückkehrte und Gründungsobfrau des 1911 gegründeten „Verbandes der Hausgehilfinnen, Erzieherinnen, Heim- und Hausarbeiterinnen Österreichs“ „Einigkeit“ wurde. Zwischen 1911 und 1915 arbeitete die politisch aktive Sozialdemokratin bei Friedrich Adler als Haushälterin. Nach Ende der Monarchie und der Ausrufung der Republik Österreich wurde Laferl am 4. Mai 1919 als sozialdemokratische Mandatarin in den Wiener Gemeinderat gewählt, wo sie sich für gesetzliche Regelungen und die soziale Absicherung der Hausgehilfinnen engagiert hat. Am 27. März 1920 heiratete sie den acht Jahre jüngeren Werkzeug- und Orthopädiemechaniker Isidor Wozniczak (1892–1945), einen gleichfalls engagierten Sozialdemokraten. Bis zu dem 1934 von der Ständestaatdiktatur erlassenen Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der Freien Gewerkschaften und aller sozialdemokratischen Organisationen war Isidor Wozniczak „Hauptvertrauensmann und Leiter der Arbeitsgemeinschaft der sozialdemokratischen Organisation Gars-Thunau, […] Gemeinderat in Kamegg und Mitglied des Bezirksfürsorgerates und der Bezirksleitung der sozialdemokratischen Partei in Horn“ (7).

Gisela Wozniczak-Laferls Inserat (Aus: Die Unzufriedene, 30. April 1932, S. 8)
Gisela Wozniczak-Laferls Inserat (Aus: Die Unzufriedene, 30. April 1932, S. 8)

Gisela Wozniczak, die ihr Wiener Gemeinderatsmandat am 13. Oktober 1921 zurückgelegt hatte, vermietete in Kamegg Zimmer an Sommerfrischler, wovon Inserate aus dem Frühjahr 1931 und 1932 zeugen, die in der Wiener Frauenzeitschrift „Die Unzufriedene“ erschienen sind: „Pension mit fünf Mahlzeiten S[chilling] 5.50 bis 6 S[chilling] [entspricht 2017 einer Kaufkraft von rund 19,– bis 21,– Euro] pro Tag. Zuschriften an Gisela Wo[z]niczak, Kamegg 29, Post Gars am Kamp“ (8) und „Zimmer mit 2 Betten, reichliche Kost, Bad und Boote beim Haus. 6 S[chilling] täglich. Gisela Wozniczak-Laferl, Kamegg im Kamptal, Niederösterreich. Rückporto beilegen.“ (9)

Die bei dieser Tätigkeit gesammelten Erfahrungen kamen den Wozniczaks 1934 als Pächter der Pension Linder sowie anschließend als Eigentümer der Waldpension zugute.

Versteigerung der „Pension Lindner“ (Wiener Zeitung, 18. Juni 1935, S. 18)
Versteigerung der „Pension Lindner“ (Wiener Zeitung, 18. Juni 1935, S. 18)

Die „Pension Lindner“ betonte noch im Mai 1935 die Sonnenseiten des Lebens: „Im sonnigen Kamptal. 7 Urlaubstage 39 S[chilling] [entspricht 2017 einer Kaufkraft von rund 137,– Euro], inklusive Kampbad. 4 Mahlzeiten, Trinkgeldabl[ösung] [= Trinkgeld inkludiert], Liegestuhl, Gepäcktransport. Auskunft […] Pension Lindner.“  (10) Dabei hatte sich die wirtschaftliche Situation des Hauses schon so weit verschlechtert, dass es im Juni 1935 zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben und im Sommer 1935 von den Zwangspächtern Wozniczak erworben wurde, die das Haus unter dem Namen „Waldpension“ weiterführten.

Die beiden hatten durch ihren „Betrieb in Kamegg gesehen, dass die Nachfrage vor allem durch Wiener Genossen vorhanden“ (11) war und erschlossen dank ihrer sozialdemokratischen Verankerung der Sommerfrische Gars, die vor dem Ersten Weltkrieg von christlich-sozialen Politikern (Hermann Bielohlawek, Sebastian Grünbeck, Heinrich Hierhammer, Josef Obrist, Georg Philp, Karl Stehlik u.v.a.m.) geschätzt wurde, eine neue Gästeschicht: „[U]nter den Gästen der vom sozialdemokratischen Funktionär Isidor Wozniczak und seiner Gattin Gisela, geborene Laferl, geführten Pension in Kamegg bzw. später der „Waldpension“ in Gars [befanden sich] zahlreiche Parteifunktionäre. Der gelernte Werkzeugmacher war u. a. mit Viktor Adler, Otto Bauer, Robert Danneberg und Julius Deutsch befreundet. Der Schutzbundführer verbrachte ebenso wie seine Gattin Emma und sein Bruder Leo Deutsch seit den zwanziger Jahren Urlaube in Gars, und als Julius Deutsch 1934 nach Brünn bzw. später nach Schweden flüchten mußte, wurden seine Bücher in Gars in Sicherheit gebracht.“ (12)

Die „Waldpension“ war im April und Mai 1937 werbewirksam bei einem 30-teiligen „Urlaubs-Preisausschreiben“ (13) des „Neuen Wiener Journals“ vertreten, das dem Gewinner des zweiten Preises einen 14tägigen Gratisaufenthalt für eine Person bzw. einen 7tägigen Gratisaufenthalt für zwei Personen sowie zwei Trostpreis-Gewinnern ein Wochenende in der Garser Waldpension (14) gewährte.

Während der verbliebenen Sommersaison 1937 stellte die Waldpension weiterhin das Wetter in den Mittelpunkt ihrer Werbemaßnahmen: „Im sonnigen Kamptal sehr regenarm, Pens[ion] 5 S[chilling] [entspricht 2017 einer Kaufkraft von rund 18,– Euro]. Waldpension Gars. Prospekte, Auskünfte“. (15)

Auch im Mai 1938 schaltete die Waldpension Inserate, deren Wortlaut aus der Zeit der „Pension Lindner“ stammte: „Waldpension Gars, ruhig, sonnig, Wochenpauschale, Mai 32 S[chilling] [entspricht 2017 einer Kaufkraft von rund 171,– Euro]. Prospekte, Ausk[unft] Ruf B 11956“. (16) – So als wäre gar nichts geschehen. Dabei war mit dem „Anschluss“ auch in Gars die Wendung zum Schlechtesten eingetreten, weshalb die Eigentümer der Waldpension sowohl wegen ihrer sozialdemokratischen Überzeugung als auch wegen ihres sozialdemokratischen sowie jüdischen Freundes- und Gästekreises ins Visier der Nationalsozialisten gerieten. Schließlich hatten die österreichischen Antisemiten durch den „Anschluss“ sämtliche Möglichkeiten erhalten, ihren Judenhass ungehemmt auszuleben. Selbst die Marktgemeinde Gars erklärte im Frühjahr 1938 Juden offiziell zu unerwünschten Personen, was die nunmehr NS-konformen Medien freudig verkündeten: „Über Beschluß der Gemeindeverwaltung ist Juden der Besuch öffentlicher Parkanlagen, der Strandbäder, sowie Parken von Kraftfahrzeugen auf öffentlichen Straßen und Plätzen ausnahmslos verboten. Damit wird einem lang gehegten Wunsch der Garser Bevölkerung Rechnung getragen. Das herrliche Garser Bad war in der Systemzeit das reinste Judenaquarium […]. Auch die vier Tennisplätze […] sind für Juden nicht zugänglich. In einem weiteren Aufruf der Gemeinde werden Gasthof- und Hotelbesitzer sowie Vermieter von Sommerwohnungen aufgefordert, keine Juden zu beherbergen. […] Phönixheim, Waldpension, und wie sie alle heißen mögen, bildeten das Eldorado für die Juden.“ (17)

Demgemäß traf am 19. Mai 1938 ein amtliches Schreiben des kommissarischen Gemeindeverwalters von Gars, Anton Höltl, in der Waldpension ein, das den Eigentümern gesetzlich vorschrieb, mit ihren jüdischen Freunden zu brechen und langjährige Stammgäste vor die Türe zu setzen: „Nach dem im Gemeindeamte abgegebenen Meldezettel beherbergen Sie eine Jüdin Hilda Weiß. Nach einstimmigem Beschluße des kommissarischen Gemeinderates dürfen Juden in der Marktgemeinde Gars a[m] K[amp] auf keinen Fall beherbergt werden. Der Gemeinderat sieht sich daher genötigt Sie aufzufordern, der Partei sogleich zu kündigen.“ (18)

Als Folge dieser amtlichen Aufforderung ergänzte die Familie Wozniczak bei ihren wöchentlichen Werbe-Inseraten das Wort „Arisch“ und strich ihre Telefonnummer: „Waldpension Gars, ruhig, sonnig, Wochenpauschale ab 32 S[chilling]. Prospekte. Arisch.“ (19) Davon abgesehen ignorierten die Wozniczaks die amtlich verordneten antisemitischen Maßnahmen und gewährten ihren jüdischen Freunden und Gästen weiterhin das Gastrecht in ihrem Haus, wozu sie diese einfach zu Ariern erklärten, was die Gemeindeverwaltung missbilligte und der Waldpension die Badeanlage im Kamp kündigte: „Die Gemeindeverwaltung Gars a[m] K[amp] kann Ihren Versuch Frau Emma Deutsch als Arierin zu erklären nicht zur Kenntnis nehmen. Da Juden die Kampbäder nicht gebrauchen dürfen, kündet [gemeint: kündigt] Ihnen die Gemeindeverwaltung im Einvernehmen mit Herrn Schönbichler das Bad im Kampfluße. Ihre Badeanlage im Kampfluße unterhalb der Schönbichlermühle muß darum bis 14. August d[ieses] J[ahres] geräumt sein, widrigenfalls diese Anlage am Dienstag, den 16. August d[es] J[ahres] auf Ihre Kosten von Gemeindearbeitern geräumt wird.“ (20)

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung erschienen immer wieder Medienberichte, die im Überschwang der Anschlussgefühle den richtigen Umgangston vermissen ließen, wenn etwa im Mai 1938 anlässlich eines „Blitzbesuches im frühlingsschönen Kamptal“ dessen Sommerfrischen von unten herab als „Stiefkinder des Fremdenverkehrs“ (21) bezeichnet wurden und gönnerhaft versichert wurde, dass sie dank der Vereinigung mit dem Altreich mit deutlich mehr Gästen rechnen könnten: „Die Sommerfrischen der Ostmark […] hoffen jetzt wieder. Die Bewohner der niederösterreichischen Landstriche wissen, daß sie nun Gäste aus einem Land erwarten dürfen, das nicht mehr sechs, sondern fünfundsiebzig Millionen Menschen zählt. Und wenn nur ein Teil von dieser großen Anzahl sich daran erinnert, daß gerade auch Niederösterreich ein Land von seltenen Naturschönheiten ist, dann werden die Sommerfrischenorte Niederösterreichs voll besetzt sein. […] So wartet denn auch das Kamptal nach den langen Jahren des Entbehrens auf einen ‚warmen Regen‘, der nun heuer kommen soll.“ (22)

Inserat „Arische Sommerfrische“ Gars (Kleine Volks-Zeitung, 19. Juni 1938)
Inserat „Arische Sommerfrische“ Gars (Kleine Volks-Zeitung, 19. Juni 1938)

Als erste Tourismusmaßnahme vertrieben die neuen Machthaber mit Gewalt einen Großteil der langjährigen Sommerfrischler aus Gars, indem sie in Inseraten eine ganze Bevölkerungsgruppe zu unerwünschten Personen erklärte: „! ! ! Achtung ! ! ! Größte arische Sommerfrische des Kamptales, Gars. Juden werden nicht geduldet. Eisenhältiges Flußstrandbad und Wannenbad, gepflegte Tennisplätze, erstklassige Hotels und Pensionen, sowie Gasthöfe, private Sommerwohnungen in großer Auswahl, Parkcafe, Kino, Parkanlagen, Ausflüge usw., zwei Aerzte, Apotheke, Zahnbehandlung usw.“ (23)

Als die Waldpension am 2. April 1939 in die neue Sommerfrische-Saison startete, hat sich das Wörtchen „arisch“ in dem von ihr geschalteten Inserat (24) erübrigt, da es im Bezirk Horn seit Herbst 1938 keine jüdischen Mitbürger mehr gab: „Waldpension Gars ruhig sonnig Wochenpauschale ab 26,66 RM [entspricht 2017 einer Kaufkraft von rund 144,– Euro]“ (25) lauten somit alle weiteren Inserate bis zum Schluss der Saison, die mit dem von Hitler bereits Mitte August 1939 beschlossenen Überfall auf Polen am 1. September 1939 im Zweiten Weltkrieg endet.

Die Garser Tourismusbetriebe wurden von nationalsozialistischen Einrichtungen und Organisationen teils für Kriegsurlauber und deren Angehörige, teils als Erholungs- und Genesungsheime für Verletzte genutzt. So wurde etwa in der Waldpension anfangs ein Feldlazarett der Deutschen Wehrmacht eingerichtet, anschließend wurde sie von der NS-Volkswohlfahrt für Mütter und Kinder aus dem Ruhrgebiet übernommen, dann folgten eine nationalsozialistische Vorschule sowie ein ebensolches Schwesternheim und gegen Ende des Krieges wurden auf dem Rückzug befindliche deutsche Soldaten einquartiert. (26)

Ein Gast der Waldpension, den nach Kriegsende die Liebe nach Gars zurückrief, war der Oberösterreicher Rudolf Ehrlich, der während des Weltkriegs in Gars lebte, weil der Ort im Frühjahr 1941 „als neuer Standort für die Nachrichtenabteilung bestimmt“ worden war: „Meine Unterkunft in Gars war damals in der Waldpension bei der Familie Wozniczak. Von dort führte mein Weg in das Ortszentrum täglich einige Male am Haus Kremserstraße 38 vorbei. Das Schicksal wollte es offenbar so haben, daß dort ein Mädchen namens Resi Widhalm wohnte, das dann meine weitere Zukunft prägen sollte. Es war Liebe auf den ersten Blick, und der Aufenthalt in Gars wurde bestimmend für mein weiteres Leben. […] Unsere Hochzeit feierten wir dann am 25. Juli 1942 […]. Im Oktober 1943 wurde uns dann unser Stammhalter geschenkt. Das Ende des Krieges erlebte ich dann an der Front in Italien, und von dort ging es dann zu Fuß heimwärts, um meine Familie zu suchen und auch zu finden. Nach Niederösterreich und in die Russenzone zu kommen, war damals sehr schwer oder fast unmöglich. Erst Anfang September 1945 war es dann soweit, daß ich meine Familie gesund in Gars angetroffen habe.“ (27)

Rudolf Ehrlich hatte „noch Glück“, eine Formulierung, die bewusst die lang gereifte Lebenserfahrung von Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ in Erinnerung ruft: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“ (28) Schließlich waren die Nationalsozialisten schlechte Verlierer, weshalb sie selbst bei ihrem Untergang so viele Menschen als möglich mit sich in den Abgrund gerissen haben. Eines ihrer letzten Garser Opfer war der Eigentümer der Waldpension Isidor Wozniczak, der wegen seiner sozialdemokratischen Gesinnung während der NS-Zeit immer wieder drangsaliert, verhaftet, eingesperrt, freigelassen und dienstverpflichtet wurde. Nachdem er zwischen Herbst 1944 und Frühjahr 1945 in Wien inhaftiert war, kehrte er Ende März 1945 schwer krank nach Gars zurück, wo er offensichtlich auf Anregung mehrerer Garser Nationalsozialisten am 24. April 1945 in Schutzhaft genommen und ins Gefangenenhaus Horn eingeliefert wurde, wo er am 2. Mai 1945 einem NS-Motorstaffel-Führer zur Ermordung übergeben und erschossen wurde. (29) Seine Leiche wurde im Wald verscharrt, weshalb sein Leichnam erst nach langer Suche am 24. August 1946 entdeckt, am 6. September 1946 exhumiert und am 15. September 1946 unter großer öffentlicher Anteilnahme in Gars bestattet wurde. Nach dem Krieg leitete seine Witwe, die von 26. Mai 1950 bis 15. Mai 1955 sozialdemokratische Gemeinderätin in Gars am Kamp war, gemeinsam mit ihrer Tochter Mathilde die Waldpension.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fungierte die Waldpension bis September 1946 als sowjetisches Lazarett. Anschließend diente sie erholungsbedürftigen Wiener Kindern und zuletzt Schulklassen mit ihren Lehrern als Quartier, weshalb der reguläre Pensionsbetrieb erst 1949 aufgenommen wurde. (30)

Anmerkungen

1) Inserate. In: Die Presse (31. Mai 1896, S. 16). In: Neues Wiener Journal (30. März 1897, S. 12). In: Neues Wiener Journal (15. Juni 1897, S. 12). In: Neues Wiener Journal (3. März 1898, S. 12). In: Neues Wiener Journal (18. März 1898, S. 12).

2) Inserat. In: Neues Wiener Tagblatt. 14. März 1903, S. 26.

3) Rudolf Mosse, Adressbuch von Österreich für Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft, Ausgabe 1928, S. 227 sowie Ausgabe 1931, S. 220.

4) Rudolf Mosse, Adressbuch von Österreich für Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft, Ausgabe 1928. Gars, S. 227.

5) Rudolf Mosse, Adressbuch von Österreich für Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft, Ausgabe 1931. Gars, S. 220f.

6) Inserat. In: Sport-Tagblatt. 29. Juni 1934. Sonderabdruck aus dem „Kleinen Anzeiger“, Landaufenthalt, S. 1.

7) Anton Mück, Vom Denkmal zum Mahnmal. Gedenkschrift zum 65. Todestag des Freiheitskämpfers Isidor Wozniczak (Horn 2010) S. 10.

8) Inserat. In: Die Unzufriedene. 2. Mai 1931, S. 8.

9) Inserat. In: Die Unzufriedene. 30. April 1932, S. 8.

10) Das Kleine Blatt. 19. Mai 1935, S. 26.

11) Anton Mück, Vom Denkmal zum Mahnmal. Gedenkschrift zum 65. Todestag des Freiheitskämpfers Isidor Wozniczak (Horn 2010) S. 10.

12) Friedrich Polleroß, Einleitung. In: Friedrich Polleroß (Hg.), „Die Erinnerung tut zu weh“. Jüdisches Leben und Antisemitismus im Waldviertel. Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes. Band 37 (Horn 1996) S. 7–58, hier S. 22.

13) Urlaubs-Preisausschreiben. In: Neues Wiener Journal. 21. Mai 1937, S. 8.

14) Urlaubs-Preisausschreiben. Verlosungsergebnis. In: Neues Wiener Journal. 4. Juni 1937, S. 8.

15) Inserat. In: Neues Wiener Journal. 27. Juni 1937, S. 33.

16) Neues Wiener Tagblatt. 1. Mai 1938, S. 57.

17) Land-Zeitung. 1. Juni 1938, S. 11. Zitiert nach: Friedrich Polleroß, 100 Jahre Antisemitismus im Waldviertel. In: Polleroß (Hg.), „Die Erinnerung tut zu weh“ (wie Anm. 12) S. 73–156, hier S. 124.

18) Amtliches Schreiben des kommissarischen Gemeindeverwalters von Gars am Kamp, Anton Höltl, an Isidor Wozniczak. 19. Mai 1938. Faksimile in Friedrich Polleroß, „Die Erinnerung tut zu weh“ (wie Anm. 12) S. 125.

19) Neues Wiener Tagblatt. 29. Mai 1938, S. 52.

20) Amtliches Schreiben des Garser Bürgermeisters Anton Höltl vom 9. August 1938. Faksimile in Friedrich Polleroß, „Die Erinnerung tut zu weh“ (wie Anm. 12) S. 125.

21) Blitzbesuch im frühlingsschönen Kamptal. In: Das kleine Volksblatt. 22. Mai 1938, S. 16f., hier S. 16.

22) Blitzbesuch (wie Anm. 21).

23) Inserat. In: Kleine Volks-Zeitung. 19. Juni 1938, S. 30.

24) Neues Wiener Tagblatt. 2. April 1939, S. 75.

25) Zahlreiche identische Inserate im Neuen Wiener Tagblatt zwischen 2. Juli 1939 (S. 66) und 20. August 1939 (S. 61).

26) Mück, Vom Denkmal (wie Anm. 11) S. 12.

27) Rudolf Ehrlich, „Wie ich ein Garser wurde“. In: Garser Kulturbrief. Nr. 9. September 1996, S. 2f.

28) Friedrich Torberg, Die Tante Jolesch (München 1977) S. 14.

29) Alois Mück, Isidor Wozniczak. In: Garser Kulturbrief. Nr. 1/1988, S. 4f., hier S. 5.

30) Mück, Vom Denkmal (wie Anm. 11) S. 16.

Beitrag(steile) aus: Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017). ISBN 978-3-9504427-0-0.

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