Adam Müller-Guttenbrunns Reportage aus der aufstrebenden Kamptal-Sommerfrische Gars-Thunau

Adam Müller-Guttenbrunn (1852–1923)
Adam Müller-Guttenbrunn (1852–1923)

Knapp ein Jahrhundert lang geriet der Gars-Ausflug des Schriftstellers, Theaterdirektors und späteren Nationalrates Adam Müller-Guttenbrunn (1852–1923) in Vergessenheit, der seinen Rundgang durch „den freundlichen, historisch-interessanten Markt“ am 5. August 1905 unter dem Titel „Im Kamptale“ im „Neuen Wiener Tagblatt“ selbst dokumentiert hat (Im Kamptale, Seite 1, Im Kamptale, Seite 2, Im Kamptale, Seite 3).

Im Mittelpunkt stand ein Besuch beim Garser Langzeit-Bürgermeister, Julius Kiennast, mit dem Guttenbrunn Fragen des Fremdenverkehrs, der örtlichen Infrastruktur sowie die angedachte Vereinigung von Gars, Thunau und Manigfall diskutierte: „Man sonnt sich am Kamp in Zufriedenheit und Behagen, fast wunschlos fließt das Leben hin, ein Tag so schön wie der andere. Das tut auch dem Touristen wohl, die allgemeine Stimmung überträgt sich auch auf ihn. […] Es verbringen heute in Gars und Umgebung nicht weniger als zwei tausend Personen, fast ausschließlich Wiener, den Sommer. […] Das gibt Leben und Bewegung, Handel und Wandel blühen. Das Bedürfnis nach einem Touristenhotel regt sich auch hier. […] Die Aufgabe, die noch zu lösen sein wird, ist die Beleuchtungsfrage. Man ist noch beim Petroleum, weil man Jahre hindurch auf die Verwirklichung eines großen Projektes rechnete. […] Gars werde sich sehr bald entscheiden müssen: ob Acetylengas oder elektrisches Licht. Beim Petroleum könne man ja doch nicht bleiben.“ (1)

Die zunehmende Gästeschar und die stetig steigenden Nächtigungszahlen lösten im Raum Gars um 1908 eine besonders rege Aus-, Um- und Neubautätigkeit aus, die zum wahren Bauboom wurde. Nachdem das Geschäftsmodell Sommerfrische um die Jahrhundertwende einige Begüterte motiviert hatte, nicht nur „Villen für den Eigengebrauch“, (2) sondern auch „Mietvillen [zu errichten], die in mehrere autonome Wohneinheiten aufgeteilt waren“, (3) damit sie an Sommerfrischler vermietet werden konnten, begannen bald auch Architekten und örtliche Baumeister Baugründe zu kaufen, um darauf Villen und Landhäuser zu errichten, die sie dann gewinnbringend an betuchte Sommerfrischler verkauften, die ihre Sommer in Gars in eigenen vier Wänden verbringen wollten. Einheimische Hausbesitzer dimensionierten ihre Gebäude bewusst um einige Räume größer, um für Sommergäste separate Wohnbereiche zu schaffen. Weniger Vermögende, die auch ein bisschen von den Sommergästen profitieren wollten, mussten sich damit begnügen, diesen die eigenen Wohnräume zu überlassen und selbst im Schuppen oder auf dem Dachboden zu wohnen.

Die Goldgräber-Stimmung mit der der Bauboom um 1909 verbunden war, wurde im folgenden Zeitungsartikel eingefangen, der die rasante Baulust zusammenfasst, derzufolge allein der Garser Baumeister Buhl den Neubau von 22 Häusern plante:

„(Anhaltende Bautätigkeit). Erst im Frühling d[ieses] J[ahres] berichtete die ‚Land-Zeitung‘ von der auffallenden Bautätigkeit in Gars, mehr als 30 Häuser erstanden in einem Jahre, und der mit ihm im Laufe der letzten Zeit zusammengewachsenen Gemeinde Mannigfall, bei der Nadelfabrik und in der am andern Ufer des Kampes gelegenen Gemeinde Thunau, alles nun ein imposantes Gemeinwesen mit über 400 Hausnummern darstellend. Ueber Sommer schoßen wieder Bauten empor, wie die Pilze […]. Mit Riesenschritten schreitet die Baulust weiter und über die blühendsten Fluren. […] Ein ganz neuer ‚Stadtteil‘ soll erstehen. Es wird auch schon gebaut und einige Häuser sind schon im vorhinein verkauft. Zweiundzwanzig Häuser will der unternehmungslustige Maurermeister Herr Buhl in einer Gasse erstehen lassen, die dann über die Scha[f]lacke weiter geführt wird zum ebenfalls schon parzellierten Listacker und zum dicken Kreuz, die Apoigergasse (Zaingruberstraße) verbindend mit der Nondorfer- und Kotzendorferstraße. Die kaufkräftigen, baulustigen Fremden drängen eben alle zum heilkräftigen Kamp, d. h. erwerben häufig die angrenzenden billigen Häuser und bauen Villen, und die Verdrängten dürften sich immer mehr im neuen ‚Stadtteil‘ ansiedeln, es sind billigere, kleinere, villenartige Landhäuschen mit einer Sommerwohnung geplant. So herrscht denn ein lebhafter Realitätenverkehr bei uns. Auch Herr Lehr, unser alter um Gars verdienter Maurermeister, durch ihn erstand u. a. die ganze lange, neue, schöne Apoigergasse, bietet in der Hornerstraße, am Kamp, fünf neue Villen mit je ½ Joch bestem Gartengrund, sehr wertvolle Objekte, wo der weiße [Winterkalvill] und die Winterdechantsbirne die zwei anspruchsvollsten und bestbezahlten Obstsorten in vorzüglicher Qualität gewonnen werden können, je 6000 K[ronen] [entspricht 2017 einer Kaufkraft von rund 34.900,– Euro] zum Kaufe aus. Ein Wiener Bauunternehmer erwarb in derselben Straße, bei der interessanten Villa Obrist einen Baugrund und nur mehrere Schritte davon entfernt, im schönsten Panorama des Kamptales, mit einem überaus fesselnden Einblick in einem großen Teil desselben und einem herrlichen Ueberblick über ganz Gars, wurde eine Ackerfläche für 40 Villen parzelliert (Eigentümer zumeist Gastwirt Alois Sagl, Gars). Auch ältere Villen werden zum Kaufe angeboten, zumal solche, bei denen die Steuerfreiheit abläuft, die sich schon abgezahlt haben. Auch in der [Zitternberger Straße] werden schon wieder Vorkehrungen zu neuen Häuserbauten getroffen. Zu einem sehr bemerkenswerten Bau rüstet sich Gastwirt Ehrenberger am Dreifaltigkeitsplatz. Das Haus wird gehoben und erhält ein Stockwerk und auch aus dem Schuppentrakt werden Wohngemächer, alles in allem ein sehr auffallendes, wertvolles Eck- und Geschäftshaus werdend.“ (4)

Gasthaus-Bäckerei Anton Ehrenberger „Zum Goldenen Adler“
Gasthaus-Bäckerei Anton Ehrenberger „Zum Goldenen Adler“

Anmerkungen

1) Adam Müller-Guttenbrunn, Im Kamptale. In: Neues Wiener Tagblatt. 5. August 1905, S. 1ff., hier S. 1f.

2) Susanne Hawlik, Sommerfrische im Kamptal. Der Zauber einer Flußlandschaft (Wien 1995) S. 102.

3) Hawlik, Sommerfrische (wie Anm. 2) S. 102.

4) Anhaltende Bautätigkeit. In: Österreichische Land-Zeitung. 23. Oktober 1909, S. 15.

Beitrag aus: Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017) S. 9-174, hier S. 58f. ISBN 978-3-9504427-0-0.

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