Literarische Weihen für die Kamptal-Sommerfrische Gars-Thunau

Am 20. Jänner 1911 kündigt das „Neue Wiener Tagblatt“ den Fortsetzungsabdruck von Karl Hans Strobls Abenteuer-Kriminalroman „Madame Blaubart“ an
Am 20. Jänner 1911 kündigt das „Neue Wiener Tagblatt“ den Fortsetzungsabdruck von Karl Hans Strobls Abenteuer-Kriminalroman „Madame Blaubart“ an

Ein literarischer Beleg für Gars’ wachsende Bekanntheit ist Karl Hans Strobls (1877–1946) Kriminalroman „Madame Blaubart“, der zwischen 22. Jänner und 6. April 1911 als tägliche Fortsetzungsgeschichte im „Neuen Wiener Tagblatt“ abgedruckt wurde. (1) Der Roman war so populär, dass er wiederholt in Zeitungen nachgedruckt, (2) als Buch aufgelegt und zwei Mal verfilmt wurde: Er war 1919 die Vorlage für den gleichnamigen Stummfilm und 1930 für einen Tonfilm, die unter dem Titel „Madame Blaubart“ bzw. „Das Schicksal einer schönen Frau“ (Hauptrolle: Lil Dagover) ins Kino kamen.

Der 1915 in Buchform veröffentlichte Roman spielt größtenteils im Kamptal, gelegentlich am Garser Bahnhof, aber vor allem in Vorderschluder, einem Ort, der über Gars angefahren wird, so dass einige Passagen das Thema Sommerfrische streifen und Strobl wiederholt die Garser Gegend beschreibt: „Er konnte es kaum erwarten, die lange Ruinenfront des Schlosses von Gars zu erblicken. Dann war es gar nicht mehr weit.“ (3)

Der Autor charakterisiert Land:

„Das niederösterreichische Waldviertel ist etwas für die Beschaulichen. Es bietet keine Überraschungen für nervöse Reisende, die an jeder Wegbiegung eine neue Sensation haben müssen, weil sie sich sonst langweilen. Man darf von ihm weder die dramatische Spannung wuchtiger Felsgebilde, ragender Gipfel, finsterer Klammen, noch die Unendlichkeitsgefühle erwarten, wie sie das Meer auslöst. Aber es hat eine Hülle feiner und bestrickender Schönheiten, die Anmut sachte gewellter Waldhügel, die Reize gewundener Flußläufe, an denen alte Burgen und kleine Städtchen liegen, die ganz verstaubt und vor der Geschichte vergessen scheinen.“ (4)

und Leute:

„Der Wirt des ‚Hotels Bellevue‘ […] war eine Art von verkommenem Genie. Viel in der Welt umhergetrieben, hatte er endlich hier einen Stand gefunden, wo er zu bleiben gedachte. Er hatte in eine Bauernfamilie hineingeheiratet, sehr zum Ärger des Vaters, und hatte nach und nach die Herrschaft an sich gerissen. Mit den Ersparnissen der Alten hatte er aus dem Bauernhof das ‚Hotel Bellevue‘ gemacht, wobei die schöne Aussicht in einer Perspektive auf die wohlgefüllten Taschen der Sommerfrischler bestand. Sonst war der großartige Name eigentlich nicht ganz gerechtfertigt. Denn vor dem Verandafenster des Hotel Bellevue floß der Kamp trüb und dunkel mürrisch vorbei, eingeengt und doch ohne Schönheit schäumender Wirbel. Und jenseits war eine fast kahle Wand aus grauem Gneis, die immer aussah, als ob sie eben naß geworden sei. […] Und nur ein überaus gutmütiger Mensch hätte behaupten können, das sei malerisch“ (5)

sowie (durchaus mit Selbstironie) narzisstische Schriftsteller, die mit Lob geködert werden: „Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen … ein berühmter Dichter ist in Vorderschluder eine Seltenheit. Unsere primitive Sommerfrische bekommt zum erstenmal die höheren Weihen!“ (6)

Einer der auffallend neugierigen Protagonisten hinterfragt immer wieder die nähere und fernere Vergangenheit, was zu verstehen gibt, dass sein Schöpfer mit der Garser Gegend und Geschichte vertraut war: „Sehen Sie, da gibt es in dieser Gegend geographische Bezeichnungen, die unzweifelhaft von den Kelten herrühren. Da ist vor allem der Name Kamp. […] Bei der Rosenburg mündet ein Bach in den Kamp, der heißt Taffa! Was heißt das? Dann ist Gars auch so ein Name …“ (7)

Die Kamptalbahn dient Strobls Figuren, um aus der großen Welt nach Gars „weiter zu gondeln“, (8) weshalb es nicht überrascht, dass sein Augenmerk auch auf den legendären „Busserlzug“ (9) fällt, der die in Wien berufstätigen Männer Samstagabend zu ihren in der Sommerfrische weilenden Familien brachte und Sonntagabend wieder nach Wien entführte. Das Ehe- und Familienleben konzentrierte sich während dieser Wochen oder Monate auf wenige Urlaubs- und Feiertage sowie Wochenenden, weshalb die Begrüßung der samstags heiß erwarteten und sonntags schweren Herzens verabschiedeten Ehemänner und Väter so zärtlich bzw. stürmisch erfolgt sein soll, dass diese Bahnverbindungen im Volksmund „Busserlzug“ genannt wurde: „Gegen Abend machte der Major den Vorschlag zur Bahnstation hinunterzugehen. ‚Geben sie acht … es wird ein Spaß. Heute ist Samstag. Da kommen die Gatten aus Wien … Sie müssen sehen, wie sehnsüchtig sie erwartet werden. Es wäre vielleicht für manche Ehe, vielleicht überhaupt gut, wenn die Gatten nur einmal in der Woche zusammenkämen.‘ […] Endlich kam der Zug. Man hörte ihn schon von ferne gellend pfeifen. Es war ein Wechsel von lang hingezogenen Trillern, von kurzen, wilden Stößen, von schrillen, atemlosen Rufen. Die Dampfpfeife tobte. Mit einem wilden Geheul fuhr der Zug ein. Die wartenden Frauen lächelten und nickten einander zu. Der Major lachte aus vollem Halse. ‚Es ist noch immer so,‘ sagte er, ‚dieses Pfeifen ist nichts als eine Reihe von Signalen, einer lang und zweimal kurz – das bedeutet: Herr Meier kommt. Drei kurze Triller, daß Herr Freudenfeld im Zuge ist. Wenn Herr … was weiß ich: Kohne mitfährt, so muß der Lokomotivführer eine ganze Oper pfeifen. Dafür kriegt der von jedem ein Viertel Wein. Die Gattinnen wissen sofort, ob sie sich freuen dürfen. Ja, meine Gnädige, die Liebe ist erfinderisch.‘“ (10)

Einige Szenen von Karl Hans Strobls Abenteuer-Kriminalroman „Madame Blaubart“ spielen am Bahnhof Gars-Thunau (Aus: „Neues Wiener Tagblatt“. 2. Februar 1911, S. 47)
Einige Szenen von Karl Hans Strobls Abenteuer-Kriminalroman „Madame Blaubart“ spielen am Bahnhof Gars-Thunau (Aus: „Neues Wiener Tagblatt“. 2. Februar 1911, S. 47)

Siehe auch:

Heimito von Doderers Gars-Woche

Literarischer Nebenschauplatz Gars

Anmerkungen

1) Das „Neue Wiener Tagblatt“ brachte am 20. Jänner 1911 die Ankündigung und Kurzbeschreibung von Strobls Fortsetzungsroman „Madame Blaubart“. In: Neues Wiener Tagblatt. 20. Jänner 1911, S. 5.

2) Strobls „Madame Blaubart“ wurde im Frühjahr 1911 in der „Neuen Hamburger Zeitung“ sowie 1923 in der „Linzer Tages- Post“ als Fortsetzungsroman veröffentlicht (5. April bis 1. November 1923), was wohl auch die Bekanntheit des Teilschauplatzes Gars gesteigert hat.

3) Karl Hans Strobl, Madame Blaubart. Roman (Berlin 1929), S. 106.

4) Strobl, Madame Blaubart (wie Anm. 3), S. 33.

5) Strobl, Madame Blaubart (wie Anm. 3), S. 178.

6) Strobl, Madame Blaubart (wie Anm. 3), S. 215.

7) Strobl, Madame Blaubart (wie Anm. 3), S. 149.

8) Strobl, Madame Blaubart (wie Anm. 3), S. 120.

9) Der „Busserlzug“ war keine Besonderheit der Kamptalbahn, sondern ein typisches Sommerfrische-Phänomen: So brachte beispielsweise „Das interessante Blatt“ schon am 29. September 1904 Alois Ulreichs „Humoreske“ „Der „Busserlzug““ (S. 11f.), die unter anderem am 27. Juli 1906 im „Grazer Tagblatt“ (S. 1ff.) nachgedruckt wurde („Der „Busserlzug““), die ganz allgemein die Sommerfrische-Bahnverbindungen thematisiert hat.

10) Strobl, Madame Blaubart (wie Anm. 3) S. 233.

Beitrag aus: Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017) S. 9-174, hier S. 63ff. ISBN 978-3-9504427-0-0.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s