Karl Süß: „Gars. Eine geschichtliche Skizze“

Unter dem Titel „Gars. Eine geschichtliche Skizze“ hat der Oberlehrer Karl Süß aus Reinprechtspölla im Februar und März 1917 im „Boten aus dem Waldviertel“ einen dreiteiligen Beitrag (1. Februar 1917, 15. Februar 1917, 1. März 1917) veröffentlicht, in dessen Schlussteil er behauptet, dass Gars „jetzt“ „zu einer der beliebtesten und besuchtesten Sommerfrischen Niederösterreich“ geworden wäre.

Schlussteil von Karl Süß: Gars. Eine geschichtliche Skizze.
Der Schlussteil von Karl Süß „Gars. Eine geschichtliche Skizze“. Aus: Der Bote aus dem Waldviertel (1. und 15. Februar 1917 sowie 1. März 1917 (jeweils auf der unteren Titelseite)).

Süß hat seinen Text um 1920 auch im Selbstverlag veröffentlicht, weshalb seine (knapp über ein Dutzend Seiten) starke Broschüre „Gars. Eine geschichtliche Skizze“, die eine Abbildung des „Hotel Kamptalhof“ enthält, gelegentlich noch antiquarisch erhältlich ist.

Vermutlich war es seine Wortmeldung, die im Lauf der Jahrzehnte zu der haltlosen Legende angewachsen ist, dass Gars gleich nach Baden bei Wien der führende Sommerfrischeort Niederösterreichs gewesen wäre.

Übrigens bezeichnet Süß Gars in seiner Skizze zudem als das „n[ieder]-ö[sterreichische] Nizza“, eine Auszeichnung, die er der Weinstadt Krems entwendet hat, die um 1910 wegen ihres „milden Klimas“ so bezeichnet wurde.

Diese übertriebene Krems-Tourismus-Reklame hat der (damals dem Fremdenverkehr noch äußerst reserviert gegenüberstehende) Gars-Besucher Karl Kraus im Sommer 1912 anlässlich der Einführung kanadischer Panorama-Waggons auf den österreichischen Staatsbahnen mit dem Spot(t)-Light seiner Zeitschrift „Die Fackel“ bedacht:

„Und kaum hatte ich das Unmögliche erfunden, so ist es auch schon wahr. Der Wunschtraum einer Verbindung des Pacifischen mit dem Spezifischen ist erfüllt. Auf den österreichischen Staatsbahnen sind statt der Handtücher kanadische Aussichtswagen eingeführt worden. Unternehmer hatten es längst auf den bekannten Dornröschenschlaf der Gegend abgesehen und die Entdeckung durch Amerika nahm ihren Anfang. Sie hatten so viel schon von unsern Luftreservoirs gehört, von unserem Alpenpanorama und vor allem davon, daß wir auch sagenumwoben sind. Singend, lachend, träumerisch, wie ihnen die Gegend geschildert worden war, fanden sie sie vor, und aus den Aussichtswagen hört man jetzt täglich, besonders wenn ein Tunnel vorüber ist, entzückte Rufe, wie zum Beispiel: Ah! Oder das gewisse: All rigth, da schau i ja! Es war den Amerikanern längst schon bekannt, daß der Niagarafall ein armer Teufel neben dem Hochstrahlbrunnen ist, aber was sie in der Wachau zu sehen bekamen, übertraf doch weit ihre Erwartungen. Denn überall fanden sie, wo immer sie auch hinkamen, ein Panorama vor und im Waggon eine Schreibmaschine, »zu deren Bedienung stets eine Typewriterin mitfährt«. […] Der Bürgermeister von Spitz aber gab der Hoffnung Ausdruck, »Spitz im Weltverkehr zu sehen«. Die Amerikaner erwiderten, sie wollten sehen, was sich machen läßt. Krems dagegen wird schon heute »das niederösterreichische Nizza« genannt. Nun pfeift die Bahn durch das verträumte Tal, natürlich um auch ihrerseits das Dornröschen zu wecken.“ (Karl Kraus: All rigth, da schau i ja. In: Die Fackel. Nr. 354-356, 29. August 1912, S. 8ff.)

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