Todbringender Kamp

Die größte Gefahr für Leib und Leben bestand während der Sommerfrische beim Baden, Kahnfahren und Schwimmen, worüber es in jeder Badesaison zahlreiche Medienberichte gab, ohne die wir beispielsweise kaum wüssten, dass der Maler und Grafiker Gottfried Lorenz (1860–1928) im Juli 1910 in Gars war, wo er nur mit Müh und Not am Leben geblieben ist:

„Kürzlich badete hier [Thunau] der auf Sommerfrische weilende Maler Gottfried Lorenz samt Gattin und Tochter sowie anderen Sommergästen bei dem Herndlhoferwehr [Schönbichlerwehr] im Kampfluß. Während alle bereits aus dem Wasser gestiegen waren, blieb Lorenz noch einige Zeit im Kamp und machte Schwimmübungen am Rücken. Dabei wurde er von der Strömung erfaßt und gegen die Wehr getrieben. Obwohl ein guter Schwimmer, konnte er doch nicht gegen die reißende Strömung ankämpfen. Er hatte noch so viel Geistesgegenwart, sich am Wehrbaum [der oberste Balken eines Wehrs] festzuhalten und um Hilfe zu schreien. Dies hörte der ebenfalls in Thunau auf Sommerfrische weilende Hauptmann Oswald Fechner. Er eilte herbei und sprang vollständig angekleidet in den Fluß, um Lorenz zu retten, was ihm nach großer Mühe gelang. Durch das Beispiel des Hauptmanns ermutigt, eilten jetzt auch andere Männer herbei und halfen das Rettungswerk vollenden. Lorenz wäre ohne die rasche Hilfe des Hauptmanns Fechner sicher ertrunken.“ (1)

Oft verdanken wir die Kenntnis des Gars-Aufenthaltes eines prominenten Künstlers allein einer Unglücksmeldung, wie der, dass der Maler Emil Ranzenhofer (1864–1930) (2) im Juli 1911 zwei ertrinkenden Soldaten sowie dem Sohn des Garser Bürgermeisters Kiennast das Leben gerettet hat (wobei offen ist, ob der Maler Ranzenhofer mit jenem „Bildhauer Ranzenhofer“ identisch oder verwandt ist, der 1910 bei der Gestaltung des Garser Wiesenfestes mitgewirkt hat): „Kürzlich spielten sich in der Nähe des hiesigen Bades an zwei aufeinanderfolgenden Tagen aufregende Szenen ab. Eine Dame geriet beim Baden im Kamp in eine Untiefe und verschwand alsbald in den Wellen. In diesem Augenblick eilte ihr das elfjährige Töchterchen des Wiener akademischen Malers Emil Ranzenhofer, Renée, eine ausgezeichnete Schwimmerin, zu Hilfe und rettete sie. Am Tage darauf gerieten zwei Musiker des Infanterieregiments Nr. 84 in Ertrinkungsgefahr. Die beiden Soldaten waren schon dem Tode nahe. Der Kaufmann Julius Kien[n]ast versuchte, sie zu retten, doch wäre er, da die Ertrinkenden ihn in die Fluten hinabzureißen drohten, selbst ein Opfer der Wellen geworden. Herr Emil Ranzenhofer sprang in den Fluß, und nach übermenschlicher Anstrengung glückte es ihm, die drei Menschen dem sicheren Tode zu entreißen. In den Kreisen der zahlreichen Wiener Sommerfrischler ist man voll des Lobes für die mutige Rettungstat von Vater und Tochter.“ (3)

Badeanstalt der Kamptal-Sommerfrische Gars (um 1913)
Badeanstalt der Kamptal-Sommerfrische Gars (um 1913)

Jahr für Jahr berichteten die Medien, dass der als heilkräftig beworbene Kamp einigen Sommerfrischlern den Tod bringt, wobei gelegentlich streng differenziert wird: „Seit 14 Tagen ist dies nun der dritte Fall, daß Personen in so tragischer Weise ihr Leben verloren“ (4), denn ein paar Tage zuvor sind das „22jährige Stubenmädchen Martha und die 26jährige Köchin Fanny“ (5) einer Sommerfrische-Familie beim Baden im Kamp ertrunken, wodurch der Ertrunkene „heuer [1897] bereits das sechste Opfer des tückischen Kampflußes“ (6) ist.

Nachdem „die zwölfjährige Tochter des in Kammegg zur Sommerfrische weilenden Nordbahnbeamten Johann Szilagyi“ nur durch den Mut und die Geistesgegenwart eines Wiener Sommerfrischlers aus dem Hochwasser führenden Kamp gerettet wurde (Der „Rechnungsoffizial im Finanzministerium Dr. Theodor Dabrowski stürzte sich, durch die Hilferufe der Ertrinkenden aufmerksam geworden, in den Fluß und entriß nach hartem Kampfe und unter eigener Lebensgefahr das Kind den Wellen.“ (7)) weist „Der Bote aus dem Waldviertel“ bei seiner Zwischenbilanz der Sommersaison darauf hin, dass das Kamptal hauptsächlich von Wiener Eltern aufgesucht werde, die ihren Kindern während der „zweimonatlichen Hauptferien“ das Baden im Kamp ermöglichen wollten, weshalb die Sommerfrischegemeinden dafür sorgen sollten, dass ihren Sommergästen tatsächlich Gutes geboten werde, weshalb mehr „auf genügende Uferversorgung und Anbringung von Warnungstafeln bei gefährlichen Stellen im Kampflusse […] gesehen werden“ (8) sollte.

Die Forderung nach einer besseren Ufergestaltung und Warntafeln bei gefährlichen Ufer- und Flussstellen betraf die zahlreichen privaten Villen-, Wohnungs- und Zimmervermieter: „Gars. Hier ertrank am 9. [Juli 1904] ein Mädchen namens Anna Preiß, welches bei einer Sommerpartei in Thunau bedienstet war. Das Unglück geschah nicht in der Badeanstalt des Verschönerungsvereines, sondern auf einem der vielen Badeplätze, welche den Sommerparteien durch die Wohnungsvermieter zur Verfügung gestellt werden und sich für diesen Zweck nicht immer eignen. Nichtschwimmer sollten sich stets der Gefahrlosigkeit solcher Badeplätze versichern.“ (9)

Nachdem am 20. Juni 1908 ein zehnjähriger Zitternberger bei dem Herndlhofer Wehr der Schleuse zu nahe kam und ertrank, während mehrere am Ufer stehende Buben um Hilfe schrien, (10) erteilte die „Österreichische Land-Zeitung“ unter dem Titel „Zum letzten Badeunglücke“ Nachhilfe in Badegefahr-Schutzmaßnahmen: „Alljährlich wie überall auch bei uns an gewissen Badestellen ein und dasselbe Bild! Ein Ertrinkender kämpft einen entsetzlichen Kampf mit den Wellen. Jeder Schwimmunkundige könnte ihm mit einer leichten ‚Rettungsstange‘ oder ‚Rettungsleine‘, ja, oft ein Angler mit seinem Bambus- oder Pfefferrohre zuhilfe kommen! Ebenso häufig ist die Ratlosigkeit, wenn es gilt, Wiederbelebungsversuche anzustellen. Und sie sind so einfach. Nur zu häufig wird das sog[enannte] Stürzen angewendet, wodurch der Verunglückte ersticken muß. […] Könnten wir uns nicht vereinen und durch Anbringen von leichten ‚Rettungsstangen‘ und ‚Rettungsleinen‘ oder d[er]gl[eichen] und durch Verteilung von kurzen Belehrungen über die erste Hilfe bei Ertrunkenen an Müller u. s. f., sowie durch Plakatieren an gewissen Badestellen – in unseren Badeanstalten kann sich kein Unglück ereignen – einer Gewissenssache entledigen, die im Schuldbuche der politischen Behörde steht?“ (11)

Nach dieser öffentlichen Aufforderung ist die angesprochene Gemeinde der mit Zeitungsdruck vorgebrachten Anregung auf amtsübliche Art nachgekommen: „Als vor zwei Jahren in der ‚Landzeitung‘ eine Notiz erschien, ‚Zum letzten Badeunglücke‘, beeilte sich die Gemeinde Thunau an der Unglücksstelle eine Warnungstafel anbringen zu lassen, die aber bald weggeschwemmt wurde, ohne erneuert zu werden.“ Aufgrund aktueller Badeunfälle empfiehlt die Zeitung erneut einfache Hilfsmittel zur Rettung Ertrinkender: „Wäre da nicht eine Rettungsleine oder eine leichte Rettungsstange – ein Angler kann mit seinem Bambus- oder Pfefferrohr einen Ertrinkenden retten, am Platze gewesen, wie es in der erwähnten Notiz vorgeschlagen wurde? Ein Stück Wäscheleine oder ein Auslichtstangel zur Hand, wie man sie hier häufig und 4–5 m lang in den Häusern findet und beim Förster für einige Heller erhält, hätte schon manches Leben gerettet. Unter solchen Umständen würde auch nicht mehr vor Ertrinkenden davongelaufen, wie es schon der Fall war an sonst ungefährlichen Stellen, wo z. B. ein Unwohlsein die Katastrophe herbeiführte.“ (12)

Annmerkungen

1) Ein Offizier als Lebensretter. In: Neuigkeits-Welt-Blatt. 12. Juli 1910, S. 8.

2) Neuigkeits-Welt-Blatt. 27. August 1910, S. 9 sowie Der Bote aus dem Waldviertel. 15. August 1910, S. 3.

3) Vater und Tochter als Lebensretter. In: Neues Wiener Tagblatt. 5. August 1911, S. 8f.

4) Ertrunken. In: Deutsches Volksblatt. 27. August 1897, S. 3.

5) Zwei Mädchen im Kampflusse ertrunken. In: Neue Freie Presse. 13. August 1897, S. 17.

6) Eine unglückliche Kahnpartie. In: Neues Wiener Journal. 26. August 1897, S. 4.

7) Eine Lebensrettung. In: Neues Wiener Tagblatt. 2. August 1903, S. 10.

8) Aus dem Kamptale (Zur Saison 1903). In: Der Bote aus dem Waldviertel. 1. September 1903, S. 4.

9) Der Bote aus dem Waldviertel. 15. Juli 1904, S. 9.

10) Österreichische Land-Zeitung. 27. Juni 1908, S. 18.

11) Zum letzten Badeunglücke. In: Österreichische Land-Zeitung. 11. Juli 1908, S. 14.

12) Gefährliche Badestellen. In: Österreichische Land-Zeitung. 6. August 1910, S. 5.

Beitrag aus: Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017). S. 25f.

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