Vergnügungszüge ins Kamptal

Ab Juli 1889 konnte man Gars direkt mit der Kamptalbahn erreichen, wodurch sich die Fahrzeit ab Wien auf zweieinhalb Stunden verkürzte und die Anreise in die Sommerfrische nicht nur schneller und komfortabler, sondern auch preiswerter wurde.

Bahnhof Gars-Thunau (Foto: Andreas Weigel)
Bahnhof Gars-Thunau (Foto: Andreas Weigel)

Die neue Bahnstation Gars-Thunau war über Herzogenburg mit der Westbahn sowie über Hadersdorf und Sigmundsherberg mit Wien verbunden, weshalb sogar in Eisenbahnfachzeitschriften die rosigsten Prognosen für „die reizend schön gelegene, beliebte Sommerfrische Gars“ zu lesen waren: „Am Fuße der „Burgruine Gars, welche eine der schönsten in Niederösterreich ist […], liegt in romantischer Lage der große Bahnhof Gars-Thunau. Schon jetzt als Sommerfrische beliebt, dürfte sich der Verkehr Gars noch bedeutend heben, umso mehr als erfrischende Flussbäder zu Gebote stehen und die Umgestaltung zu einem Kurorte im Zuge ist.“ (1)

Bald nach Eröffnung der Kamptalbahn regte das „Znaimer Wochenblatt“ am 24. Mai 1890 die Bahndirektion an, Ausflüglern mittels sogenannter Vergnügungszüge, die als Tagesrandverbindungen (d. h. frühe Hinfahrt und späte Rückfahrt) definierte Ausflugziele direkt anfuhren, die Möglichkeit zu bieten, binnen eines Tages das Kamptal zu erkunden: „Durch die im vorigen Jahre erfolgte Eröffnung der Kampthalbahn ist dem großen Publikum eine Landschaft erschlossen, welche zu den reizendsten Niederösterreichs, unseres trauten Nachbarlandes, gehört, leider aber von den Wenigsten gekannt wird. Wir meinen nämlich das untere Kampthal mit den reizenden Punkten Rosenburg und Gars. Wie uns ein Freund unseres Blattes mittheilt, wäre, wenn ein Vergnügungszug dorthin von Znaim aus arrangirt würde, die Station Gars der Kampthalbahn binnen 2 ½ Stunden zu erreichen, da bei einem solchen Separatzuge das lästige Warten in Zellerndorf und Sigmundsherberg entfallen müßte. Wenn der Zug von Znaim aus um 6 Uhr Früh abgelassen würde, so träfe er um ½ 9 Uhr in Gars ein, und könnte hier im Laufe des Vormittags die interessante Schloßruine, die merkwürdige alte Kirche in derselben, sowie das in der Nähe gelegene, in einem prächtigen Waldwinkel eingebaute, uralte Schloß Buchberg besichtigt werden. Das allen Bedürfnissen gerecht werdende, große Gasthaus in Gars würde die Gesellschaft zum Mittagsmahle vereinen, nach welchem die Rückreise nach Rosenburg angetreten werden könnte.“ (2)

Dieses fundierte Interesse an Gars ist möglicherweise eine späte Nachwirkung von Carl Bornemanns detailliertem Artikel „Znaimer Spaziergänge“, der zwischen 8. und 29. Juli 1876 in vier Teilen im „Znaimer Wochenblatt“ (3) veröffentlicht wurde, und Ausflüge nach Dreieichen, Gars und Rosenburg beschrieb.

Die Staatsbahn fuhr tatsächlich bald mehrere Vergnügungszüge – zwar nicht von Znaim, sondern von Wien – ins Kamptal, die sich großer Beliebtheit erfreuten: „Die Direktion der Staatsbahnen hat mit der Veranstaltung von Vergnügungszügen in das Kampthal begonnen, und zwar kam Sonntag den 7. [Juni 1891] der erste derartige Zug nach Rosenburg. In den verschiedenen Stationen von Langenlois bis Gars waren schon viele Theilnehmer ausgestiegen, und doch stiegen noch über 150 Personen in Rosenburg aus“. (4) Dank dieser Vergnügungszüge können viele Wiener entlang der Kamptalstrecke „zahlreiche kleinere aber schöne Ausflüge unternehmen und eigentlich vom frühen Morgen bis zum späten Abend sich im Freien aufhalten“. (5)

Ein Teil der Einheimischen erkannte das wirtschaftliche Potential der Vergnügungszüge und wünschte deren Vervielfachung, während anderen der geballte Zustrom an Ausflüglern missfiel, weshalb „Der Bote aus dem Waldviertel“ für die Fremden Verständnis heischte: „Bei dem Umstande, daß diese Züge bisher immer voll besetzt waren, kann man hoffen, daß im nächsten Jahr mehr als drei Vergnügungszüge, mindestens aber vier, wie im vorigen Jahre von Wien ins Kampthal werden abgelassen werden. Unsere herrliche Umgegend besonders das Kampthal hat bisher von allen Besuchern seine wohlverdiente Anerkennung gefunden, der Zuzug von Touristen wird mit jedem Jahre größer. Es gibt aber viele Leute, die eben nur einen Sonntag zu Ausflügen benützen können, und diese sind auf solche Züge angewiesen, die ihnen den ganzen Tag im Freien zuzubringen gestatten. Eine Vermehrung der Vergnügungszüge nach Horn wäre also wünschenswerth.“ (6)

Die Besucherbilanz konnte sich sehen lassen, denn allein am Sonntag, den 5. Juli 1891 „brachte ein Sonderzug 300 Wiener Ausflügler“ nach Gars: „Den Nachmittag hindurch erquickte sich ein großer Theil an den Herrlichkeiten unserer Gasthäuser. Die Abends von der Schloßberglehne aufsteigenden Feuerkugeln gaben dem Tag einen reizvollen Abschluß. […] An nahezu 500 Naturliebhaber und Vergnügungslustige brachte der zweite Vergnügungszug am 12. [Juli 1891] aus der Hauptstadt nach Gars und Rosenburg, wo sie sich tagsüber an der Anmuth des Thales weideten, bis sie abends in vollgepfropften Wägen, aber doch sehr vergnügt die Heimfahrt antraten.“ (7)

Apropos Kamptalbahn: Entgegen der im Kamptal weit verbreiteten Vorstellung war der „Busserlzug“ kein Alleinstellungsmerkmal der 1889 eröffneten Kamptalbahn, sondern eine Spezialität vieler Sommerfrischeregionen. Die zwischen Wien und den Sommerfrischen pendelnden Busserlzüge brachten die in Wien berufstätigen Männer am Wochenende zu ihren am Land weilenden Familien und entführten die Männer Sonntagabend wieder nach Wien. Das Ehe- und Familienleben konzentrierte sich während dieser Wochen oder Monate auf wenige Urlaubs- und Feiertage sowie Wochenenden, weshalb die Begrüßung der samstags heiß erwarteten und sonntags schweren Herzens verabschiedeten Ehemänner und Väter so zärtlich bzw. stürmisch erfolgt sein soll, dass diese Bahnverbindungen im Volksmund bald Busserlzüge genannt wurden. Die Bezeichnung „Busserlzug“ regte immer wieder die Künstlerfantasien an. Beispielsweise brachte „Das interessante Blatt“ am 29. September 1904 Alois Ulreichs Humoreske „Der Busserlzug“, die öfters nachgedruckt wurde und dadurch die überregionale Verbreitung dieses Begriffes gefördert hat. Am 15. August 1923 erschien im „Neuen Wiener Journal“ eine weitere Humoreske unter dem Titel „Der Busserlzug“, die in der Semmering-Region spielt.

Anmerkungen

1) Eröffnung der Linien Herzogenburg – Krems und Hadersdorf – Sigmundsherberg. In: Zeitschrift für Eisenbahnen und Dampfschifffahrt der österreichisch-ungarischen Monarchie (1889) S. 656–659, hier S. 658.

2) Ein projectierter Vergnügungszug. In: Znaimer Wochenblatt. 24. Mai 1890, S. 7.

3) Carl Bornemann, Znaimer Spaziergänge (Neue Folge). Dreieichen, Gars und Rosenburg. Znaimer Wochenblatt. Am 8., 15., 22. und 29. Juli 1876 in vier Teilen: 8. Juli 1876 (S. 1ff.), 15. Juli (S. 1), 22. Juli (S. 1f.) und 29. Juli 1876 (S. 2).

4) Vergnügungszüge. In: Der Bote aus dem Waldviertel. 15. Juni 1891, S. 2.

5) Vergnügungszug. In: Der Bote aus dem Waldviertel. 1. August 1906, S. 3.

6) Vergnügungszug. In: Der Bote aus dem Waldviertel. 15. September 1894, S. 2.

7) Der Bote aus dem Waldviertel. 15. Juli 1891, S. 2.

Beitrag aus: Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017). S. 18f.

 

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