Verbriefte Lebensdaten des in Gars am Kamp verstorbenen Wandertheater-Direktors Paul Löwinger (1844-1913)

Paul Löwinger. Aus: Das interessante Blatt. 11. Jänner 1912, S. 26.
Paul Löwinger. Aus: Das interessante Blatt. 11. Jänner 1912, S. 26.

Der am 10. April 1844 in Sobotište (heute Westslowakei, damals Königreich Ungarn) nahe der mährischen Grenze im damaligen Komitat Neutra geborene Schauspieler Paul Löwinger ist am 24. August 1913 „nach kurzer Krankheit“ „im 70. Lebensjahre“ in der Sommerfrische Gars am Kamp verstorben, wo er am 26. August 1913 begraben wurde. Entgegen weitverbreiteter Darstellungen hießen seine Eltern nicht Bela und Rozella, sondern Jakob und Sofie. Beide waren ungarische Juden und Teil der deutschsprachigen Bevölkerung, worauf sowohl der Familienname als auch die Vornamen Jakob, Sofie und Paul hinweisen. Paul Löwingers Vater, Jakob, war kein Mann des Theaters, sondern des Handels.

Paul Löwingers Frau Anna Pauline wurde am 17. Mai 1845 als Tochter von Caspar und Theresia Schrödl (geb. Weihs) in Wien geboren. Ihr Vater war kein Tiroler Theaterdirektor, sondern Schuhmacher in Wien-Lerchenfeld. Anna war keine geborene Maggauer, dies war der Familienname ihres Vormunds.

Entgegen den gängigen Publikationen haben Paul Löwinger und Anna Schrödl nicht 1845, sondern am 12. April 1869 in Kirchberg am Walde (Raum Gmünd) geheiratet, nachdem ihr gemeinsamer Sohn, Ferdinand, am 10. September 1867 in Gaming (Raum Scheibbs) unehelich geboren wurde. Somit war Ferdinand entgegen der verbreiteten Darstellung der Erstgeborene und der am 2. Mai 1872 in Himberg auf die Welt gekommene Josef Florian, der bislang für den Stammhalter gehalten wurde, der Zweitgeborene.

Die Geschichte der Löwinger-Bühne als selbständiges Theaterunternehmen beginnt 1892. Damals übernahm das Ehepaar Anna und Paul Löwinger das Wandertheater der verstorbenen Theaterdirektorin Josefine Maggauer, das zuvor knapp zehn Jahre von Paul Löwinger artistisch geleitet wurde und vorwiegend in Ober- und Niederösterreich aufgetreten ist.

In den Jahren 1897, 1908 und 1909 sowie 1911, 1912 und 1913 gastierte die „Theatergesellschaft Löwinger“ als Sommer-Theater in der Kamptal-Sommerfrische Gars. Das Garser Engagement ruhte im Jahr 1910 und endete mit der Saison 1913, nachdem Paul Löwinger am 24. August 1913 in Gars verschieden ist.

Teil-Eintrag Paul Löwinger im Sterbebuch der Pfarre Gars am Kamp
Teil-Eintrag Paul Löwinger im Sterbebuch der Pfarre Gars am Kamp

Nach Paul Löwingers Tod haben seine beiden Söhne Josef und Ferdinand das vereinbarte Sommertheater-Engagement noch erfolgreich zu Ende geführt.

Aus Kurorten und Sommerfrischen. Neues Wiener Tagblatt. 15. September 1913, S. 31.
Aus Kurorten und Sommerfrischen. Neues Wiener Tagblatt. 15. September 1913, S. 31.

In der Folge blieben die jüdischen Wurzeln der Löwinger-Bühne so gut verborgen, dass „noch während der Funkausstellung 1938 (der Anschluss Österreichs lag gerade gut ein viertel Jahr zurück) ein Gastspiel des Österreichischen Bauerntheaters Löwinger“ (1) stattfand, bei dem am 1. August 1938 „Der Jogl vom Wegscheidhof“, am 2. August 1938 „Gruß aus den Bergen“ und am 3. August 1938 „Die Simandlbruderschaft“, „Du sollst nicht stehlen“, „Seppl auf Brautschau“ sowie „Der hungrige Melchior“ live im reichsdeutschen Fernsehsender Paul Nipkow ausgestrahlt wurden (2), was insofern beachtlich ist, als Paul und Gretl Löwinger väterlicherseits einen jüdischen Großvater [Paul] sowie jüdische Urgroßeltern [Jakob und Sofie] hatten. Dessen ungeachtet wurde das „Bauerntheater Löwinger“ während des Zweiten Weltkriegs als Front-Theater bei der Truppenbetreuung verpflichtet.

Anmerkung

1) Knut Hickethier: Das Fernsehspiel im Dritten Reich. In: William Uricchio (Hrsg.): Die Anfänge des Deutschen Fernsehens (1991). S. 74 – 123, S. 98.

2) Knut Hickethier: Fernsehspiele im Programm des Fernsehsenders „Paul Nipkow“ Berlin, 1936-1941. In: William Uricchio (Hrsg.): Die Anfänge des Deutschen Fernsehens (1991). S.124 – 142, S. 133.

Quelle: Andreas Weigel: „Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart.“ In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017). S. 47-54. Darin: 1.) Garser Theatermix: Burgschauspieler inszeniert Löwinger-Wandertheater (S. 47ff.), 2.) Fakten statt langlebiger Löwinger-Legenden (S. 49ff.) und 3.) Paul Löwingers Verdienste um das Garser Theater (S. 51-54).

Jüngste Ergänzungen

1.) Fundstück: Fake News made by „Löwinger Bühne“

2.) Ergänzung zur Fake-Fotografie der „Löwinger Bühne“

3.) Weitere Kamptal-Verbindungen der Schauspielerfamilie Löwinger

4.) Garser Fremdenliste enthält Puzzle-Steinchen zur Löwinger-Biografie

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