Sommerfrische, ein nostalgisches Wort?

Der anmutige Begriff Sommerfrische, in dem wärmender Sonnenschein und kühlender Schatten verheißungsvoll vereint sind, ist deutlich jünger als das Phänomen, das er beschreibt. Schließlich fliehen seit jeher viele jener, die es sich beruflich, zeitlich und finanziell leisten können, während der heißeren Jahreszeit für mehrere Wochen und Monate aus der stickig-brütenden Stadt auf das mildere Land. Die Fahrt in die ursprünglich mehrere Wochen bzw. Monate dauernde Sommerfrische war lange ein Luxus, der allein vermögenderen Gesellschaftsschichten vorbehalten blieb: Sommerfrischler „waren Fabrikanten, gutsituierte Geschäftsleute, Ärzte, Advokaten und höhere Beamte, die sich einen Landaufenthalt leisten konnten“ (1), allenfalls noch Lehrer, Pensionisten, Rentner und wirtschaftlich erfolgreiche Künstler. Dem Großteil der österreichischen Bevölkerung fehlte es dafür sowohl an den nötigen Mitteln für Fahrt- und Aufenthaltskosten, als auch an der erforderlichen Freizeit, da ein gesetzlicher Urlaubsanspruch erst um 1910 eingeführt wurde (2).

Im Begriff „Sommerfrische“ waren bald die Vorstellung eines Ortes („in der Sommerfrische sein“) mit der eines Zeitraumes („auf Sommerfrische sein“) untrennbar miteinander verschmolzen. Selbstredend hat auch das Wort Sommerfrische im Lauf der Zeit Bedeutungsänderungen erfahren. Denn während die klassische Sommerfrische anfangs einen mehrmonatigen Aufenthalt wohlhabenderer Städter auf dem Land definierte, wurde der Begriff bald auch für deutlich kürzere Aufenthalte in Sommerfrischen verwendet, da mit Sommerfrische stets auch der Ort gemeint war, wo man auf Sommerfrische weilte und das ländliche Leben den von ihren Vollzeitmüttern begleiteten Kindern die Chance bot, sich in freierer Natur unbeschwerter auszutoben als in der beengenden Stadt.

Davon abgesehen, wurde selbst im Jahr 1911, also in eben jenem Zeitraum, der als die goldene Ära der „Sommerfrische“ gilt, bitter beklagt, dass die klassische mehrere Monate dauernde Sommerfrische ausgerechnet von den etablierten Sommerfrischenorten, die der Autor erbost „Muß-Sommerfrischen“ (3) schimpft, „weil sie einmal deutsch gesprochen, volkstümlich geworden, alljährlich ohne viele Mühe in den weitesten Kreisen bekannt, einen großen Kreis von Anhängern besitzen“ (4), nicht mehr gelebt werde: „Um nun den alten Ruf des betreffenden Muß-Sommerfrischenortes zu retten, d.h. ganz besonders eine höhere Besucherzahl auszuweisen, vermieten die Hausbesitzer heute schon ihre Wohnungen auf Tage oder Wochen, wenn es hoch geht auf einen Monat, um nur wenigstens einen kleinen Mietzins für die im großen und ganzen schon verlorene Mietzinseinnahme herauszuschlagen. Die Muß-Sommerfrische bleibt dabei, was die Anzahl der Besucher anbelangt, wohl auf der gleichen Höhe, aber die früheren oft 3–4 Monate ständig anwesend gewesenen Sommerparteien sind verschwunden und haben stets von Woche zu Woche wechselnden Sommergästen Platz gemacht.“ (5)

Diese Kostprobe belegt, dass bereits um 1911 unterschiedliche Varianten der Sommerfrische gelebt wurden und „Sonntags-Sommerfrischler“ (6) (1911) und „Eintagssommerfrischler“ (7) (1912) für den „Boten aus dem Waldviertel“ und seine Leser keine Überraschung waren. Ähnlich wird Gars aus Tradition weiter Sommerfrische genannt, obwohl es seit Jahrzehnten eher für Wellness-, Kur- und Gesundheitstourismus steht und es zudem wegen des gesellschaftlichen Wandels heute kaum mehr klassische Sommerfrischler gibt, da die im vorigen Jahrhundert üblichen Vollzeithausfrauen, denen es zeitlich möglich war, gemeinsam mit ihren Kindern mehrere Monate auf Sommerfrische zu verbringen, von berufstätigen Frauen abgelöst wurden, die zeitlich und räumlich an ihre Arbeitsplätze gebunden sind.

Als sommerliche Stadtflucht war die Entwicklung der Sommerfrische nicht nur von Zeit und Geld, sondern auch von den verfügbaren Massenverkehrsmitteln abhängig, weshalb sie untrennbar mit dem technischen Fortschritt des Eisenbahnbaus verbunden ist: „Schlechte Straßen und Wege, unzählige Grenzpfähle, Herbergen ohne Komfort, Wegelagerer und Sümpfe machten das Reisen zu einem Wagnis. Darüber hinaus bargen unterschiedliche Münzsysteme, Sprachbarrieren, ungewohnte Speisen, lahmende Pferde und brechende Wagenachsen nicht kalkulierbare Risiken. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes im 19. Jahrhundert änderte sich das ganz grundlegend. ‚Sommerfrischler‘, wie man Erholungsreisende schon bald nannte, nutzten jetzt immer mehr den neuen Reisekomfort.“ (8)

Kamptal, ein wildromantisches Erholungsgebiet

Von dieser verkehrstechnischen Erschließung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat auch das Kamptal, das geografisch lange abgeschottet lag, profitiert, da es nach und nach in Reichweite der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien kam, wo die Mehrheit seiner späteren Gäste zu Hause war.

Ab 1850 wurde das von Landwirtschaft und Gewerbe geprägte Kamptal in zunehmendem Maße als Erholungsgebiet wahrgenommen, wobei die wildromantisch anmutende Gegend entlang des Kamps viele Besucher in ihren Bann zog. Außer der Landschaft hatte die Region mit weltlichen Burgen, Schlössern und Ruinen sowie kirchlichen Bauten auch geschichtlich einiges zu bieten. Dabei hatte das Waldviertel, das in einer älteren Beschreibung sogar „das österreichische Sibirien genannt“ (9) wurde, nicht nur klimatisch, sondern auch sozial einen eher schlechten Ruf: „Das Land war es [das den Räuber Johann Georg Grasel hervorgebracht habe], weil die kaiserliche Justiz allerlei Gelichter ins Waldviertel abschob, unruhige Geister, kleine und große Kriminelle, Leute, die man in Wien, im Wiener Becken und in den Städten eben nicht haben wollte. In der Zeit vor der Eisenbahn waren sie im Waldviertel geradezu verbannt, und man brauchte sich nicht mehr sonderlich um sie zu kümmern“. (10)

Damals, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, befand sich im Raum Gars als überregionale Straßenverbindung „nur die Reichsstraße von Wien über Stockerau, Maissau, Horn bis Prag, welche von Gars ungefähr vier Kilometer entfernt“ (11) verlief. Ab den 1840er Jahren wuchs das österreichische Eisenbahnnetz stetig, was die Reisezeiten rasant reduziert und die Bewegungsräume der Wiener Gesellschaft stark erweitert hat. Alsbald entstand ein interessantes Wechselspiel zwischen dem modernen Bahn- und dem traditionellen Fuhrwerksverkehr. Die Eisenbahn ersetzte sowohl beim Personen- als auch beim Warentransport die lokalen Fuhrunternehmen auf den langen Hauptstrecken, bescherte der älteren Konkurrenz aber quasi zum Ausgleich die regionale Feinverteilung von deutlich mehr Personen und Transportgütern (Reisegepäck, Übersiedlung des Hausrats in die Sommerfrische sowie Handelswaren). Schließlich fuhren viele Wiener, die ohne Eisenbahn das Waldviertel nie besucht hätten, ab 1842 zuerst mit der Nordwestbahn nach Stockerau und anschließend mit Kutsche oder Stellwagen (12) über Maissau nach Gars, was damals acht bis zehn Stunden Fahrzeit beanspruchte. (13) Eine deutliche Verbesserung der Straßenverbindung zwischen den Kamptalgemeinden erfolgte durch die 1864 zwischen Langenlois und Gars sowie 1866 zwischen Gars und Horn errichtete Kamptalstraße. Um 1870 verkürzte sich die Fahrtzeit nach Gars abermals, als es möglich wurde, mit der Franz-Josefs-Bahn bis Eggenburg bzw. ab 1872 auf einer alternativen Strecke bis Etsdorf-Straß zu fahren. Von diesen Stationen wurde die Reise nach Gars mittels Fuhrwerk oder Postkutsche fortgesetzt. Zudem existierte seit Jahresbeginn 1868 eine tägliche Post-Eilfahrt von Horn über Gars nach Krems und retour, die 1872 durch eine tägliche Postfahrt vom Bahnhof Eggenburg über Harmannsdorf nach Gars und zurück ergänzt wurde.

Garser Sommerfrische-Pioniere

Zu den Garser Sommerfrische-Pionieren, die noch per Postkutsche anreisten, zählten die spätere Garser Ehrenbürgerin Magdalena Baronin von Haan, die gemeinsam mit ihrem Gatten Rittmeister Josef Baron Haan 1850 nach Gars kam, wo sie sich eine Villa errichten ließ, in der sie gemeinsam mit ihrem Mann die Sommermonate und nach seiner Pensionierung den Lebensabend verbrachte. Ein weiterer bekannter früher Sommerfrischler war der 1904 verstorbene Garser Ehrenbür ger und kaiserliche Rat Ignaz Rainharter, der „über 50 Jahre in seiner Villa in Gars Nr. 35 stets die Sommerzeit zugebracht“ hat, wie der Garser Langzeit-Bürgermeister Julius Kiennast erwähnt. (14) Kiennast, der zwischen 1895 und 1919 Bürgermeister war, setzt in seiner 1920 veröffentlichten Chronik den Beginn der Garser Sommerfrischen-Ära somit zwischen 1850 und 1860 an (15).

Gemeinsam war diesen prominenten Persönlichkeiten, dass sie Ansehen, Geld und Einfluss hatten und diese für ihre Sommerfrische geltend machten, indem sie als Stifter auftraten oder den Verschönerungsverein bzw. die Gemeinde und ihre Einrichtungen finanziell unterstützten, wofür sich Gars mit Straßenbenennungen und Ehrenbürgerschaften bedankt hat.

Zu den ersten Stammgästen zählte laut Kiennasts „Chronik des Marktes Gars in Niederösterreich“ auch „der Schuldirektor Hausleithner von der Leopoldstadt in Wien, ein treuer, sehr anhänglicher Besucher, der täglich seinen Lieblingsplatz auf dem Maierscherberge aufsuchte, dort die schöne Aussicht genoss, was er in vielen herzigen und auch oftmals sehr witzigen Gedichten verewigte. Er war begleitet von seinen Söhnen Rudolf und Karl, wovon der erstere der berühmte Maler wurde und der jüngere Karl wurde später Rechtsanwalt in Wien; der letztere war auch ein hervorragender Musiker und hat in Wien oftmals bei besonders wichtigen Anlässen in der Votivkirche die große Orgel meisterhaft gespielt.“ (16)

Zwei in der „Wien Bibliothek“ erhaltene Briefe aus den Jahren 1904 und 1907 belegen, dass Hausleithners Sohn Rudolf auch mit Eduard Kremser (1838–1914) befreundet war, jenem Wiener Chorleiter, der Franz von Suppé dem Vernehmen nach Gars als Sommerfrische empfohlen haben soll. Kremser selbst hat Gars anlässlich eines Besuches bei seinem Schwager in Eggenburg kennen und schätzen gelernt.

Muß-Sommerfrischen (September 1911)

Muß-Sommerfrischen (Aus: Der Bote aus dem Waldviertel. 15. September 1911, S. 1)
Muß-Sommerfrischen (Aus: Der Bote aus dem Waldviertel. 15. September 1911, S. 1)

Anmerkungen

1) Herbert Trautsamwieser, Strandpyjama und Busserlzug. Die Kamptaler Sommerfrischen Schönberg, Stiefern und Plank. In: Loatwagen und Busserlzug. Das Kamptal um Schönberg als Landschaft für Winzer und Wiener (Wien 1982) S. 39–49, hier S. 40.

2) Christian Maryška und Michaela Pfundner, Vademecum für einen Sofakurzurlaub. In: Christian Maryška und Michaela Pfundner (Hg.), Willkommen in Österreich (Wien 2012) S. 10–15, hier S. 12.

3) Muß-Sommerfrischen. In: Der Bote aus dem Waldviertel. 15. September 1911, S. 1.

4) Muß-Sommerfrischen (wie Anm. 3).

5) Muß-Sommerfrischen (wie Anm. 3).

6) Saison 1911. Rückschau. In: Der Bote aus dem Waldviertel. 15. September 1911, S. 3.

7) Sommerfrischensaison 1912. In: Der Bote aus dem Waldviertel. 1. August 1912, S. 4.

8) Elisabeth Tworek, Prolog. Sommerfrische. Zurück zur Natur. In: Elisabeth Tworek, Literarische Sommerfrische (München 2011) S. 10f.

9) Johann Urwalek, Erinnerung an Gars im Kampthal und seine allernächste Umgebung (Stockerau 1878) S. 83.

10) Hermann Schreiber, Ein sanfter Räuber. In: Merian. Wachau, Wald- und Weinviertel (November 1976) S. 191–195, hier S. 191.

11) Julius Kiennast, Chronik des Marktes Gars in Niederösterreich (Gars 1920) S. 121.)

12) „Ich erinnere mich noch sehr deutlich an zum Beispiel den Stellwagen. Das waren von zwei Pferden gezogene kleine Omnibusse, bei denen man, wenn man Glück hatte, vorne beim Kutscher sitzen konnte.“ Fritz Lang, Erinnerungen an Wien. Mit einer Einleitung von Bernard Eisenschitz. In: Astrid Johanna Ofner, Fritz Lang (Wien 2012) S. 62–78, hier S. 69.

13) Kiennast, Chronik (wie Anm. 11) S. 122.

14) Julius Kiennast, Rechenschaftsbericht des Bürgermeisters Julius Kiennast über die Gemeindeverwaltung während seiner 24-jährigen Amtsperiode von 1895–1919 (Gars 1919) S. 11.

15) Kiennast, Chronik (wie Anm. 11) S. 123–126.

16) Kiennast, Chronik (wie Anm. 11) S. 124.

Beitrag aus: Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017). S. 10-12.

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