Zu Hans Wollschlägers zehntem Todestag (17. März 1935 – 19. Mai 2007)

Das Titelblatt von Hans Wollschlägers Avantgarde-Roman „Herzgewächse oder Der Fall Adams“ mit Wollschlägers persönlicher Widmung
Das Titelblatt von Hans Wollschlägers Avantgarde-Roman „Herzgewächse oder Der Fall Adams“ mit Wollschlägers persönlicher Widmung

Ansehen und Ruhm hat Hans Wollschläger durch seine Übersetzung des „Ulysses“ von James Joyce erlangt. Bis dahin war Wollschläger allenfalls als Geheimtipp bekannt: wegen seiner 1965 erschienenen Rowohlt-Monografie über Karl May, wegen seiner engagierten Reden gegen die beiden christlichen Kirchen („Die Gegenwart einer Illusion“) sowie wegen seiner mustergültigen Geschichte der Kreuzzüge („Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem“). Vereinzelt war noch bekannt, dass ihn Arno Schmidt als Schüler angenommen, gemeinsam mit ihm Edgar Allan Poes Werke übersetzt, und sich persönlich für die Publikation von Wollschlägers Roman-Erstling „Der Fall Adams“ engagiert hat – vergeblich.

Aufgrund der fehlenden Publikationsmöglichkeit für seinen Debütroman machte sich Wollschläger in den 1960er Jahren einen Namen als Übersetzer von Donald Barthelmes „Komm wieder, Dr. Caligari“ (1965), Robert Govers: „Kitten-Trilogie“ (1965, 1967, 1971), Edgar Allan Poes „Gesammelten Werken“ (1966ff), Stanley Reynolds‘ „Lieber tot als rot“ und Muriel Sparks‘ „Das Mandelbaumtor“ (1967). Besonderes erwähnenswert ist seine stimmige – ja vielstimmige Nachdichtung des „Anna Livia Plurabelle“-Kapitels aus James Joyces „Finnegans Wake“. Die Erstellung der deutschen Synchronfassung von Joseph Stricks „Ulysses“-Verfilmung (1967f) war gleichsam Pilotprojekt für die anstehende Übersetzung des gesamten Romans. Durch seine kongeniale Eindeutschung des „Ulysses“ wurde Wollschläger gewissermaßen über Nacht zum gefeierten Star des Literaturbetriebs, zum Helden, „der den Bogen des »Ulysses« gespannt“ hat. Plötzlich in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses gerückt, gelang es dem Außenseiter sofort, seiner neuen Position als literarischer Autorität gerecht zu werden. Schließlich hatte er in den Jahren zuvor intensiv über Literatur, besonders die Möglichkeiten moderner Prosa nach Joyce und Schmidt nachgedacht, und konnte seine schriftstellerischen Leitlinien auch sehr pointiert vermitteln.

Nachdem er auf die Sonnenseite des Literaturbetriebs gewechselt hatte, sprach er regelmäßig dessen Schattenseiten an. Als er etwa 1976 von der „Bayerischen Akademie der Schönen Künste“ mit deren Literaturpreis ausgezeichnet wurde, weil er aus dem „Ulysses“ ein „Kunst-Werk der deutschen Sprache“ gemacht hat, begriff er die Preisverleihung (zur Freude seiner KollegInnen) als Gelegenheit, der literarischen Öffentlichkeit mit seiner Dankesrede die soziale Schieflage der AutorInnen und ÜbersetzerInnen „In diesen geistfernen Zeiten“ bewusst zu machen (und später durch weitere „Gelegenheitsreden“ erneut in Erinnerung zu rufen). Abgesehen von dieser selbstbewussten Konfliktfreudigkeit zeichnen sich seine Schriften durch ihre intellektuelle Klarheit und ihren sprachlichen Esprit aus. Wegen der brillant formulierten, tiefenpsychologischen Studien über Karl May, seine ausgefeilten Überlegungen zu James Joyces Spätwerk und zum modernen Roman sowie seine persönlichen Würdigungen von Geistesverwandten, wie Sigmund Freud, Karl Kraus, Gustav Mahler, Vladimir Nabokov, Friedrich Nietzsche oder Arno Schmidt wurde der Name Hans Wollschläger in den 1970er Jahren zum Synonym für allererste Qualität.

Seine geistreiche Studie über „Die Instanz K. K. oder Unternehmungen gegen die Ewigkeit des Wiederkehrenden Gleichen“ bleibt als besonders dichter Abriss von Karl Kraus’ Leben, Werk und Wirken Maßstab, wie reflektierte Auseinandersetzung mit Kraus aussehen sollte. Die durchdachte Sprache trennt ihn von jenen trostlosen Kraus-VerehrerInnen, die an der schwer beschreiblichen Dimension Karl Kraus scheitern – Schwächen ihres Denk- und Benennungsvermögens durch metaphorische Kraftmeiereien wettzumachen versuchen.

Apropos Freud und Kraus

Karl Kraus war kein geborener Gegner der Psychoanalyse. Vielmehr zeigte er sich an der modernen Psychologie, wie er sie nannte, so freundlich interessiert, dass er ihr anfangs das Wort geredet hat. Bald hat er sie immer kritischer gesehen und in zunehmendem Ausmaß die Schüler, dann die Lehre und schließlich auch deren Begründer mit dem Spottlight der „Fackel“ bedacht. Vor allem die geäußerte Bemerkung, dass die Psychoanalyse „keinen Meister hat und nur fortzeugend Lehrlinge muss gebären“ (Karl Kraus: Die Fackel. Nr. 668-675, 149; 1924) signalisiert schillernd, seine geringe Wertschätzung für Freud, den er namentlich als geistige Kinderkrankheit (Karl Kraus: Die Fackel. Nr. 890-905, 46; 1934) einstuft. Kraus attackiert auch Freuds Praxis, indem er ein in einem Autographenkatalog angebotenes Schreiben Freuds glossiert, das zur Fortsetzung einer psychoanalytischen Behandlung rät: „Patient hatte ganz recht, seine Widerstände nicht mürbe machen zu lassen, sondern sich durch Verkauf der Rezepte schadlos zu halten“ (Karl Kraus: Die Fackel. Nr. 847-851, 53; 1931). Seine entschiedene Abneigung gegen Freuds Lebenswerk hat Kraus in eine polemische Definition gefasst, die er nie widerrufen, sondern durch zahlreiche Nachträge gesteigert hat: „Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.“ (Karl Kraus: Die Fackel. Nr. 376-377, 21; 1913)

Diesen Bannspruch hat der Großteil der „Fackel“-LeserInnen als Alibi für ihr Desinteresse an Freuds Erkenntnissen verwendet. Wollschläger, der dagegen Freuds Lehre als eine Basisqualifikation für moderne Prosa definiert, da diese den Stand der menschlichen Selbsterkenntnis zu spiegeln habe, hat den offenen Konflikt seiner Vorbilder gelöst, indem er deren Gedankenwelten für sich vereint hat: Viele seiner Schriften demonstrieren mit beneidenswerter Schärfe, welche Früchte diese kritische Auseinandersetzung trägt.

Außer der Psychoanalyse, welche die (tiefen)psychologische Feinzeichnung der Figuren garantieren soll, macht Wollschläger der modernen Literatur zwei weitere Vorgaben: „Man muss ihr ansehen, dass es Joyce gegeben hat, ohne ihr Joyce selbst anzusehen. Man muss ihr ansehen, dass es Schmidt gegeben hat, ohne dass sie aber von Schmidt sein könnte.“

Dem Autor Wollschläger hat die mit der „Ulysses“-Übersetzung einhergehende Anerkennung endlich die Veröffentlichung (des ersten Teils) seines gelungenen Prosaexperiments „Herzgewächse oder Der Fall Adams“ ermöglicht. Nachdem dieses trotz aller Bemühungen 15 Jahre lang ungedruckt geblieben war, wollte Wollschläger das „gescheute“ Werk überarbeiten, damit es seinen im Lauf der Jahre deutlich gewachsenen Ansprüchen und Fähigkeiten entspricht, was die Veröffentlichung um weitere Jahre verzögert hat. Ende 1982 wurde der erste Band der „Herzgewächse“ veröffentlicht, der die literarische Öffentlichkeit stark beeindruckt hat, weshalb diese seither immer ungeduldiger auf den abschließenden zweiten Band wartet. Zum Bedauern jener LeserInnen, denen Wollschlägers Werk ans Herz gewachsen ist, widmet sich dieser der Publikation der gesammelten Schriften Karl Mays und Friedrich Rückerts, die ihm wichtiger sind, als die eigenen – und die gespannte Erwartung seiner LeserInnen (sowieso). Trotzdem fällt es schwer, über die „Herzgewächse“ anders als in Superlativen zu sprechen. Selbst Arno Schmidt hat in seinem Spätwerk Wollschlägers Erstling wiederholt in einem Zug mit den angesehensten Werken der Weltliteratur genannt.

Tatsächlich hat es der faszinierende Roman, der Wollschlägers vielfältige Fähigkeiten bündelt, „faust“dick hinter den Worten. Wollschläger zeigt Satz für Satz, wie viel er von seinen Vorbildern Theodor W. Adorno, Raymond Chandler, Sigmund Freud, James Joyce, Karl Kraus, Gustav Mahler, Friedrich Nietzsche, Arno Schmidt und Arthur Schopenhauer gelernt hat. Als guter Schüler unterscheidet er sich aber von seinen Lehrern, denen er nacheifert, ohne sie nachzuahmen. Dieses faustische Streben, es Göttern gleich zu tun, ist auch ein Hauptmotiv der „Herzgewächse“. Die Konsequenz wird im Nebentitel (der unter anderem auf „Finnegans Wake“ anspielt, das Wollschläger als Vorbild und Warnung beherzigt hat) angedeutet: Sündenfall, Teufelspakt und Höllensturz werden tiefenpsychologisch als Bewusstseinsspaltung dargestellt und bieten den Rahmen, eine wissenschaftliche Theorie als mitreißenden Kriminalfall zu präsentieren. Als absolute Literatur reden die „Herzgewächse“ bewusst in sich von sich mit sich selbst, wodurch sie ihre eigene Sekundärliteratur sind, die im Werk und als Werk Wollschlägers Theorie illustriert. Wollschlägers umfassende Ausrichtung auf dieses (Über-)Lebenswerk bedingt, dass auch sein restliches Schaffen primär Kommentar zu den „Herzgewächsen“ ist. Obgleich seine programmatischen Auseinandersetzungen mit anderen KünstlerInnen so eigenständig sind, dass sie gewiss auch für sich allein gelesen werden können, liegt ihr tieferer Sinn meist doch in der theoretischen Untermauerung seines opus magnum.

Wollschläger, der bei Wolfgang Fortner Komposition und bei Hermann Scherchen Dirigieren studiert hat, beabsichtigt die Entwicklung „eines Idioms, das der Musiksprache [Gustav] Mahlers entspreche“: »Es werden da kompositorische Verfahrensweisen angewandt, die aus dem Formenkanon der Musik stammen. Dazu gehört, dass Worte, Silben- und Wortgruppen, wie thematisches Material behandelt werden. Wie modale Figuren etwa, die beziehungsreich immer wiederkehren. Auch Rhythmen und Tempi, Verdichtungen in der Stimmführung, die Grundrisse der Sukzessiv-Form sind aus formalen Vorstellungen der Musik hier in die Prosa übernommen, die vielleicht dadurch eine Polyphonie gewinnt, wie sie mit dem Instrumentarium des herkömmlichen Erzählens nicht allein erzeugt werden könnte«.

In dieser eiligen Einleitung kann ich – anders als in meiner zweibändigen Herzgewächse-Monographie – nur feststellen, nicht begründen, dass die „Herzgewächse“ – im wahrscheinlichen Fall, dass der zweite Band hält, was der erste verspricht – in künftigen Literaturgeschichten als eines der bedeutendsten deutschsprachigen Werke nach 1945 verzeichnet werden.

Zweibändige Monografie über »Herzgewächse oder Der Fall Adams«

  1. »ruckworts gegen den Strom der Zeilen«. Lese-Notizen (I) zu Hans Wollschlägers »Herzgewächse oder Der Fall Adams. Erstes Buch«. Frankfurt am Main: Bangert & Metzler 1992.
  2. »ruckworts gegen den Strom der Zeilen«. Lese-Notizen (II) zu Hans Wollschlägers »Herzgewächse oder Der Fall Adams. Erstes Buch«. Wiesenbach/Frankfurt am Main: Bangert & Metzler 1994.

Nachbemerkung

Im Vorwort der „Herzgewächse“ mimt Wollschläger so glaubwürdig die Rolle des Herausgebers, dass die „Österreichische Nationalbibliothek“ Ende der 1980er Jahre sein opus magnum tatsächlich dem fiktiven Tagebuchautor Michael Adams zugeschrieben und diesen im Katalog als Autor genannt hat, während der wirkliche Romanautor Wollschläger auf den nachfolgend gescannten Katalogkarten nur als Herausgeber genannt wird:

Titelaufnahme von Hans Wollschlägers Avantgarderoman „Herzgewächse oder Der Fall Adams“ im Katalog der „Österreichischen Nationalbibliothek“
Titelaufnahme von Hans Wollschlägers Avantgarderoman „Herzgewächse oder Der Fall Adams“ im Katalog der „Österreichischen Nationalbibliothek“

Postskriptum

Der fehlende Abschluss seines Romans „Herzgewächse oder Der Fall Adams“ hat viel von dem Lob, das Wollschläger für das „Erste Buch“ erhalten hat, zu Vorschusslorbeeren entwertet. Es ist bedauerlich, dass Wollschläger die „Herzgewächse“, die sein literarisches Ansehen als Romanautor begründet haben und gesichert hätten, unvollendet liegen ließ, um sich statt dessen der Edition der Werke von Karl May und Friedrich Rückert zu widmen.

(Dieses Kurzporträt von Hans Wollschläger wurde im Rahmen der Wiener Vorlesungen zur Literatur des „Literarischen Quartiers“ der „Alten Schmiede“ in Wien (17. bis 20. Mai 1999) am 17. Mai 1999 vorgetragen)

Zwei aktuelle Zeitschriftenaufsätze zu Hans Wollschlägers Leben und Werk

Seinem Schüler abhandengekommen. Zum Briefwechsel zwischen Alice Schmidt und Hans Wollschläger. In: Bargfelder Bote. Materialien zum Werk Arno Schmidts. Herausgegeben von Friedhelm Rathjen. Lfg. 401-403. München: edition text + kritik (August 2016). S. 3-35.

Wechselhafte Ab-und-Zu-Wendungen. Arno Schmidts Goethe-Preis-Rede in Hans Wollschlägers Briefwechsel mit Alice Schmidt. In: Bargfelder Bote. Materialien zum Werk Arno Schmidts. Herausgegeben von Friedhelm Rathjen. Lfg. 400. München: edition text + kritik (Juni 2016). S. 32-35.

Weshalb ich Hans Wollschläger mit Gars am Kamp verbinde

Es war in Gars am Kamp, wo mir die Namen Arno Schmidt und Hans Wollschläger, zwei meiner Lieblingsautoren, zuerst genannt und empfohlen wurden. Näheres unter: Hans Wollschlägers „Herzgewächse“ .

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