Brettl-Diva Leopoldine Kutzel schachtle in Gars am Kamp Sommerfrischegäste ein

Bernhard Buchbinders Reportage über das Garser Suppé-Museum enthält einen richtungsweisenden Seitenblick auf eine populäre Wiener Künstlerin, die in Gars offenbar nur als Stellfuhrunternehmersgattin, Spenderin zweier Kirchenfenster (1) sowie Bauherrin zweier geschichtsträchtiger Garser Villen bekannt war: „Heute gibt es draußen schon stattliche Villen. Man trifft auf förmliche Miethkasernen, in denen die Sommerfrischler eingeschachtelt werden. Ein solches Miethhaus hat kürzlich die ehemalige Kutzel erbaut, die einstmalige Primadonna des Brettls, jetzt wohlbestallte Hausfrau von Gars.“ (2) Der Seitenhieb zielt auf die „stimmbegabte muntere Volkssängerin Fräulein Leopoldine Kutzel“ (3) (1860–1935), die um 1880 mit ihren volkstümlichen Liedern in Wien als „Brettl-Diva“ populär war.

Porträt der Leopoldine Kutzel (aus „Der Humorist“. 1. März 1885)
Porträt der Leopoldine Kutzel (aus „Der Humorist“. 1. März 1885)

Der Wiener Volkssänger, Schauspieler und Volksliedforscher Josef Koller (1872–1945) hat in seinem Standardwerk über „Das Wiener Volkssängertum“ 1931 Wirken und Wirkung seiner Kollegin gewürdigt: „In dem Kranze der Lokalgrößen des Brettls war auch Leopoldine Kutzel, die hübsche Diva mit den großen, schönen Augen, sehr geschätzt. Sie brachte ein neues Genre, das ‚Madl von einer eig’nen Rass‘“ durch ihr urwüchsiges Wienertum zu zündender Wirkung. Ganz Wien sprach von der temperamentvollen Kutzel, die sich in überraschend kurzer Zeit zum Liebling hinaufschwang. Ihre humorvollen Schlager waren: „Es steht halt nix auf über a g’sunde Natur“, „Soll i lachen oder wana?“, „So was kann mir net passieren!“, „Hör’n S’ auf, sonst muß i lachen!“. Als Pièce de résistance muß wohl ihr berühmtes und vielbegehrtes Lied „I bin ja net von Podiebrad, gar ka Spur, i bin a harbe Weanerin voll Hamur“ bezeichnet werden. Wie sie da durch ihre prickelnden Bewegungen das Publikum mitriß! Solch überschäumendem Humor konnte sich niemand entziehen. Die Kutzel-Lieder summte und trällerte einst ganz Wien. […] Alexander Girardi, der oft dem Gesange der Kutzel lauschte, als sie noch bei Krischke und Maier engagiert war, hätte sie gerne gewissermaßen als Nachfolgerin einer Gallmeyer oder Geistinger ins Theater an der Wien gebracht […]. In ihrer Glanzzeit lernte die Kutzel den Großfuhrmann Zehetgruber kennen, der sie heiratete und mit dem sie in glücklichster Ehe lebt. Als wohlbestallte Frau Großfuhrmann wandelt die einst vielgefeierte Kutzel unter uns, ein liebes Wahrzeichen des fidelen Wien aus vergangenen Tagen.“ (4)

Der Berliner Schriftsteller Paul Lindau (1839–1919) nutzte 1886 einen Wien-Besuch für einen Lokalaugenschein in der Welt der Singspielhallen bei dem er populäre Wiener Volkssängerinnen miteinander verglich und so auf die Kutzel zu sprechen kam: „Neben der Mirzl [Moßbrunner] wird außer der [Luise Montag], die mit [Edmund] Guschlbauer zusammen jodelt, unter den Volkssängerinnen besonders noch Leopoldine Kutzel genannt, eine schöne junge Blondine, die allerdings ihre Lieder mit großer Schneidigkeit und Frische vorträgt. Aber sie ist doch unendlich äußerlicher als die Mirzl, und alle ihre Vorträge haben etwas viel Gemachteres. Sie liebt überdies allerlei kleine Mätzchen mit ihrem großen Hut, sie schleppt und beschleunigt das Tempo und verschmäht keinen der gewöhnlichen Effecte, die die Mirzl als weit unter ihrer Würde betrachtet. Sie streift auch mitunter das Gebiet des Schlüpfrigen, das die Komik der Mirzl mit beinahe ängstlicher Behutsamkeit völlig meidet.“ (5)

Nebenbei kommt Kutzel auch in Arthur Schnitzlers Autobiografie „Jugend in Wien“ sowie seinem „Tagebuch“ vor, in dem er am 12. August 1919 im Zusammenhang mit einem Gespräch, das er mit dem befreundeten Richter Alfred Pick (1864–1937) über Volksängerinnen und süße Mädel geführt hat, Picks „Verliebtheit in die Leop[oldine] Kutzel, die er nie sprach – und erst vor kurzem als alte Frau besuchte“ (6), erwähnt.

Nachdem die Kutzel im Herbst 1885 den Wiener „Stellfuhr-Inhaber Leopold Zehetgruber“ geheiratet hatte, (7) ließ das Ehepaar Kutzel-Zehetgruber 1896 eine Villa in Gars errichten, die es teils selbst bewohnte, teils an Sommergäste vermietete. (8) Die Nachfrage war so groß, dass um 1900 ein Aus- und Zubau erfolgte.

1903 ließ Leopoldine Zehetgruber angrenzend die Villa Nr. 147 errichten, die zur Zeit der „Kamptalhof“-Eröffnung im Frühjahr 1914 im „Neuen Wiener Tagblatt“ (9) zum Verkauf inseriert wurde, was die Frage aufwirft, ob die Zehetgrubers wegen des steigenden Renommees der Sommerfrische Gars größeres Kaufinteresse erhofft oder wegen der neuen Konkurrenz weniger Geschäft befürchtet haben. – Wie auch immer: Der gewünschte Verkauf kam vermutlich wegen des Ersten Weltkrieges nicht mehr zustande, weshalb Kiennasts Chronik erst Jahre später neue Besitzer nennt: Karl Hodik (1918) sowie den „Wohlfahrtsverein der Versicherungsangestellten des Militär-Witwen und Waisenfonds“ (1919).

Schon im Frühjahr 1903 wurde Zehetgrubers erste Garser Villa, Nr. 118, zum Tausch gegen ein Haus in Wien inseriert (10) und im Jahr 1904 an den Wiener Realitätenbesitzer Albert Frankl veräußert, der die Wohnungen gleichfalls an Sommergäste vermietete, bevor er die Villa in den 1920er Jahren an die Familie Lindner verkaufte, die darin die „Pension Lindner“ und ein Gasthaus (11) betrieb, bevor das Haus 1935 zur „Waldpension“ wurde. Durch die Lage ihrer Villa war „die Kutzel“ eine direkte Nachbarin von Sophie Suppé, deren Museum Buchbinder 1900 besucht hat.

Dieses Titelblatt, das die Wiener Volkssängerin und Bauherrin der Villen „Waldpension Gars“ und „Phönixheim“ Leopoldine Kutzel als „Die harbe Poldi“ zeigt, ist doppelt mit Gars verbunden, da auch die auf dem Titelblatt genannte Musikverleger-Familie Robitschek eine Villa in Manigfall (Nr. 228, bzw. Horner Straße 228) besaß, in der seit den späten 1960er Jahren André Heller, Georg Danzer und Marianne Mendt öfters zu Gast waren.
Dieses Titelblatt, das die Wiener Volkssängerin und Bauherrin der Villen „Waldpension Gars“ und „Phönixheim“ Leopoldine Kutzel als „Die harbe Poldi“ zeigt, ist doppelt mit Gars verbunden, da auch die auf dem Titelblatt genannte Musikverleger-Familie Robitschek eine Villa in Manigfall (Nr. 228, bzw. Horner Straße 228) besaß, in der seit den späten 1960er Jahren André Heller, Georg Danzer und Marianne Mendt öfters zu Gast waren.

Anmerkungen

1) „1902 ließen Leopold und Leopoldine Zehetgruber zwei Glasfenster mit dem Bilde des guten Hirten und dem Gnadenbilde von Mariazell herstellen. Ignaz Rainharter spendete drei kostbare Kirchenfahnen und Fräulein Siegert eine Taufschüssel mit Kanne“. In: Julius Kiennast, Chronik des Marktes Gars in Niederösterreich (Gars 1920) S. 111.

2) Bernhard Buchbinder, Aus der „Villa Boccaccio“ (Erinnerungen an Franz von Suppé). In: Neues Wiener Journal. 3. Juni 1900, S. 10f., hier S. 10.

3) In den Hafen der Ehe. In: Neuigkeits-Welt-Blatt. 16. September 1885, S. 3.

4) Josef Koller, Das Wiener Volkssängertum in alter und neuer Zeit. Nacherzähltes und Selbsterlebtes (Wien 1931) S. 102ff.

5) Paul Lindau, Sommertage in Wien und Umgebung. In: Nord und Süd. Eine deutsche Monatsschrift. Herausgegeben von Paul Lindau. 39. Band (Breslau 1886) S. 81–104, hier S. 103.

6) Eintrag vom 12. August 1919. Arthur Schnitzler, Tagebuch 1917–1919 (Wien 1985) S. 278 sowie dazugehöriger Kommentar auf S. 358.

7) In den Hafen der Ehe (wie Anm. 3).

8) Inserate. In: Die Presse (31. Mai 1896, S. 16). In: Neues Wiener Journal (30. März 1897, S. 12). In: Neues Wiener Journal (15. Juni 1897, S. 12). In: Neues Wiener Journal (3. März 1898, S. 12). In: Neues Wiener Journal (18. März 1898, S. 12).

9) Vier Mal im Zeitraum vom 29. März (Neues Wiener Tagblatt, S. 103) bis 26. April 1914 (Neues Wiener Tagblatt, S. 99).

10) Inserat. In: Neues Wiener Tagblatt. 14. März 1903, S. 26.

11) Rudolf Mosse, Adressbuch von Österreich für Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft, Ausgabe 1928, S. 227 sowie Ausgabe 1931, S. 220.

Illustration

Porträt der Leopoldine Kutzel (aus „Der Humorist“. 1. März 1885)

Beitrag aus: Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017) S. 9-174, hier S. 34f. sowie S. 157 (Anmerkungen). ISBN 978-3-9504427-0-0.

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