Tierschutz-Interview mit Manfred Deix (August 1990)

ibtIm Februar 1992 schrieb der in Gars kurende Karikaturist Manfred Deix einem gewissen „Hans Hupfauf“ folgenden Slogan zu: „Mir macht das Leben keinen Spaß, drum fahr’ ich morgen früh nach Gars!“.

Manfred Deix‘ Gars-Aufenthalt ist ein guter Anlass hier jenes ausführliche Interview in Erinnerung zu rufen, das ich Anfang August 1990 mit Manfred Deix geführt habe und das 1991 in der Zeitschrift „transparent“ der „Bundeszentrale der TierversuchsgegnerInnen Österreichs“ (Wien) erschienen ist.

Einleitende Vorbemerkung

Vehement und selbstbewußt wie Arthur Schopenhauer, an dessen 161. Geburtstag er zufällig geboren wurde, äußert sich Manfred Deix über seinen künstlerischen Werdegang, für den Kunstschulen allenfalls Irr- und Umwege bilden. Zwar veröffentlicht Deix als Elfjähriger in der zweifellos biederen Niederösterreichischen Kirchenzeitung wöchentlich eine Comic-Strip-Serie und bessert daneben sein Taschengeld durch weniger züchtige Auftragsarbeiten seiner Mitschüler auf, doch endet die Ausbildung an der Höheren Graphischen Bundes-, Lehr- und Versuchsanstalt mit seinem Ausschluss. Auf den Abschluss verzichtet er auch an der Akademie der Bildenden Künste, die er nach vierzehn Semestern ohne Diplom verlässt, was (inzwischen) ein bedenkenswertes Urteil über die fehlende Lehr- und Lernfähigkeit dieser Schulen spricht.

Deix waren die Arbeiten heimischer Kollegen allesamt zu brav, sodass er sich an bundesdeutschen (Traxler, Waechter) und amerikanischen (Crumb) Zeichnern orientierte, die neben seinem wichtigsten Vorbild, dem Donald Duck-Gestalter Carl Barks, seine bestimmenden Lehrmeister waren. Ihre unterschiedlichen Techniken verarbeitete Deix zu seinem unverkennbaren Stil: Während Donald Ducks Spuren die Bildauflösung, die Liebe zum Detail und Deix’ Humor prägten, machten ihm die Werke der ausländischen Kollegen vor allem Mut zur polemischen, keine Autorität schonenden, kein Tabu scheuenden Darstellung.

Heute zieht Deix nach einem Blick in die heimische Künstlerrunde den Schluss, dass er im doppelten Sinn ihr mutigster Kritiker ist: Überschätzt mir die Künstler und deren Mut nicht. Einer, der Mutigsten von denen bin ich, das ist ein Trauerspiel, aber das ist so.

(Unbe)Streitbar setzt seine ungemein provokante Satire jene Tradition fort, die lange auf die Wiener Literatur beschränkt war, deren Meister Johann Nestroy, Karl Kraus und Elias Canetti sind, zu denen aber auch Ödön von Horváth, Helmut Qualtinger und Werner Kofler zählen. Wider Erwarten, doch völlig zu Recht, erhielt Deix 1988 den Nestroy-Ring der Stadt Wien (verliehen), erweist sich doch sein künstlerischer Rang als einer, der endlich dem Namensgeber der Auszeichnung entspricht.

Anders als die gängigen Arbeiten seines Metiers sind Deix’ Cartoons keine illustrierten Witzchen oder artige Karikaturen, sondern schonungslose Bloßstellung öffentlicher Mißwüchse. Seine Porträts richten (sich gegen) den Ungeist des Zeitgeists, wobei die Begeisterung, mit der Deix Ewiggestrige, Politiker, Künstler, Klerikale, Polizisten sowie Militaristen auf- und angreift schallendes Gelächter hervorruft. Seine Menschenkenntnis erlaubt ihm, seiner Mitwelt auf die (Men)Schliche zu kommen und selbst die geheimsten Gemeinheiten anschau(er)lich bloßzustellen.

Als Anregung für seine erfrischend unverschämten Bilder verwendet Deix oft Zeitungsschlagzeilen, also Ereignisse und Vorurteile, die den Gemütlichen ins Gemüt gehen (sollen). Als bumsfidele Kretins, derbe Heuchler, selbstgefällige Idioten und verschlagene Tölpel finden sich Letztere in Deix’ Unmenschen-Menagerie wieder. Seine Bestandsaufnahme, der jegliche Gleichgültigkeit fremd ist, zeichnet sich durch Gültigkeit aus.

Naturgemäß steht Österreich Modell für die ebenso drastischen, wie plastischen Porträts, doch demaskieren sie alles in allem die Ganze Welt, weshalb die Qualität von Deix’ Werk in der Welt der Kunst unumstritten ist. Hierzulande verleumden ihn freilich bestimmte Greise und verstimmte Kreise wegen seiner kompromisslosen Charakterisierungen als Nestbeschmutzer, obgleich er die griechische Bedeutung seines Namens [deixis = das Zeigen] (be)achtend, nur auf die tagtägliche Schäbigkeit und alltägliche Niedertracht hinweist.

Seit seinem Studium arbeitet er als Cartoonist, Karikaturist, Illustrator und Titelblattzeichner für alle möglichen und unmöglichen in- und ausländischen Zeitungen und Zeitschriften, ist seit Mitte der siebziger Jahre jedoch in erster Linie als ständiger freier Mitarbeiter beim profil tätig und für viele Anlass, einen Blick in Österreichs buntes Nachrichtenmagazin zu werfen.

Wer mag, kann, so er sich in Geduld übt, die deftigen Bilder aber auch pur genießen, da Deix’ Cartoons alle paar Jahre zu Sammelbänden vereint werden. Zwar sind die Cartoons von Manfred Deix (trend, 1980), Cartoons de Luxe (Orac, 1983) und Satiren aus Wien (Zweitausendeins, 1985) inzwischen leider vergriffen, doch liegen mittlerweile die exquisiten Sammelbände Mein Tagebuch (Jugend & Volk, 1986) und Augenschmaus (Diogenes, 1989) vor. Wer durch die Preise der stattlichen Bildbände verschreckt wird, dem kommt der Heyne-Verlag entgegen, der mit vier Taschenbüchlein (Mein böser Blick, Aus meinem prallen Leben, Mein Tagebuch, Meine geile/heile Welt) einen sehr preisgünstigen Querschnitt durch Deix’ Schaffen bietet.

Last, not least ist Manfred Deix, der auch die Lotterielose des »Internationalen Bundes der TierversuchsgegnerInnen« gestaltet hat, ein entschiedener Tierfreund, wovon im folgenden Gespräch die Rede ist, das Andreas Weigel Anfang August 1990 mit dem Künstler geführt hat.

Interview mit Manfred Deix (Teil 1)

Transparent: Wie lautet Ihr Urteil über die ethisch und medizinkritisch umstrittenen Tierversuche?

Deix: Das ist so ziemlich das Entsetzlichste, was nach dem Holocaust stattgefunden hat. Ich vergleiche es damit, egal ob sich jemand aufregt. Für mich sind Tiere und Menschen absolut gleichwertig. Wenn Leute gequält, vergast, erschlagen werden, dann ist das genauso übel, wie wenn das bei Tieren gemacht wird. Das ist ein und dasselbe für mich.

Transparent: Wo kommt Ihres Erachtens der Widerstand her, die Tierversuchsgreuel mit KZ-Greueln gleichzusetzen?

Deix: Das ist die Arroganz der Menschen. Sie sagen immer, sie sind die Krone der Schöpfung. Das halte ich für einen absoluten Schwachsinn. Man kann doch nicht sagen, dass Hitler, Stalin und Konsorten zur Krone der Schöpfung gehören. Das ist doch völlig irre. Diese Unterteilungen gehen mir auf die Nerven. Auf meinen Zeichnungen sieht man, was ich von vielen Menschen halte. Da schneiden die Tiere immer wesentlich besser ab, weil sie so was wie einen Anwalt brauchen und keine großen Lobbies hinter sich haben. Ich bin Freund und Anwalt der Tiere. Ich halte es für maßlos arrogant, zu sagen: »Wir sind wichtiger und die Tiere haben uns zu dienen«. Das sollte eigentlich eine Partnerschaft sein und wer sich darüber aufregt, ist bei mir unten durch.

Transparent: Und die Begründung der Tierversuche als Notwendigkeit für den medizinischen Fortschritt?

Deix: Ich bin kein Wissenschaftler, aber angeblich geht’s auch ohne Tierversuche. Tierversuche sind eine echte Perversion. Ich möchte das nicht verintellektualisieren weil ich kein Intellektueller bin. Ich versteh’s vom Bauch her nicht, wie jemand imstande ist, in einem Labor das tagtäglich mitanzusehen oder Hand an ein Tier anzulegen und die Qual mitzuerleben. Wenn das einer packt, dann setze ich ihn gleich mit Mengele.

Alle diese Typen, die in Tierlabors arbeiten, haben für mich dieselbe Brutalität, Kälte und Schäbigkeit eines Mengele und seiner Helfer. Der hat auch keine Skrupel gehabt, als er Lagerinsassen verstümmelt hat, ihnen irgendwelche sadistischen Verletzungen zugefügt und Versuche gemacht hat, die niemandem geholfen haben. Der hat keinerlei Skrupel, keine Barrieren in sich gehabt. Leute, die dasselbe bei Tieren machen, sind Mengeles, durch die Bank, ganz klar.

Noch einmal: Ich beginne gleich ganz unten mit dem Argument gegen diese Labortypen: Ich lass mich gar nicht erst auf dieses hohe Gespräch ein: wissenschaftlich vertretbar, ja – nein, hilft es der Menschheit, ja – nein, Gesundheit, usw. Das ist mir scheißegal. Wenn jemand die Härte, die Brutalität in sich hat, das mitansehen zu können, wie es den Viechern da geht im Käfig und daran auch noch herumschneidet, wenn einer diese Härte hat, dann ist er für mich letztklassig, zuchthausreif. Für mich sind das wirklich Schwerstverbrecher.

Transparent: Viele Ihrer Karikaturen geben die Gentechnik der Lächerlichkeit preis, worauf fußt Ihre diesbezügliche Respektlosigkeit?

Deix: Ich bin schon lange respektlos, nicht nur gegenüber der Gentechnologie. Ich wüßte nicht, warum ich die Gentechnologie ausnehmen sollte. Es gibt Wissenschaftler, die mir sehr suspekt sind, die sich auf die ärgsten Sachen einlassen. Vor denen habe ich Angst. Grauen steigt in mir auf, wenn ich überlege, was in diesen kranken Hirnen alles passieren kann, wozu sie die Gentechnologie verwenden können. Selbstverständlich ernten die meinen Spott, das ist klar. Ich werde mir immer solche Themen vornehmen das liegt halt in meiner Natur, Dinge auszuspotten, die verspottenswert sind.

Transparent: Wie kommentieren Sie Pelztierzucht und Pelztierhandel?

Deix: Eine Katastrophe. Ich habe einen »Club 2« gesehen, wo einer dieser Pelztierzüchter aufgetreten ist und das verteidigt hat. Er hat gesagt, den Tieren geht’s gut. Das war die berüchtigte Sendung, wo man zuvor einen Film gesehen hat, wie die Viecher mit kaputten Pfoten auf diesen Gittern dahinvegetieren. Ein Wahnsinn. Ich hab’ den Züchter nach der Sendung angerufen und mit ihm gestritten, hab’ aber gemerkt, dass es absolut sinnlos ist, mit ihm zu reden, weil er nichts einsehen will. Natürlich hat er ein schlechtes Gewissen und er weiß ja, dass er Scheiße baut. Ich hab’ es an seiner Art zu reden gemerkt. Auch im Fernsehen hat er getobt – typisch für sein schlechtes Gewissen – weil er in Wahrheit ja weiß, dass es unkorrekt und übel ist, was er da betreibt. Für mich sind das die Letzten – und ich wünsche Ihnen strengste Strafen, Häfen [= Gefängnis], nein, Bergwerk, fünf Jahre Bergwerk. Für jeden dieser Typen. Was mir bleibt, ist grenzenloser Zorn, der mir aber hilft, das Ganze zeichnerisch runterzumachen. Zorn kann ganz schön kreativ machen. Ich hab’ nicht mehr Mittel. Man kann nur darauf hoffen, dass die Leute endlich einmal zur Einsicht kommen, wie oberfaul das alles ist, und je mehr es werden, desto besser.

Transparent: Und wie kann man diese Einsicht bewirken?

Deix: Ich – mit meinen zeichnerischen Mitteln, indem ich die Täter verächtlich mache, so gut’s nur geht, indem ich die Pelzhändler und die Frauen, die Pelze tragen, dermaßen verarsche in den Zeichnungen, sodass sie sich genieren, wenn sie sich gezeichnet wiedererkennen. Es ist toll, dass die Entwicklung ganz in unsere Richtung geht. Manche Pelzmäntlerinnen genieren sich ja eh schon auf der Straße, das ist doch hervorragend. Der Pelzmantel ist zu einer Art Schandmal geworden und das finde ich gut. Diese Bande gehört stigmatisiert, die sollen sich zu Tode genieren.

Transparent: Was verbinden Sie mit Jagd, Stierkampf, Pferdesport und dergleichen Zeitvertreib?

Deix: Pferdesport – ich hab’ gelesen, was der Schockemöhle macht. Wie nennt man das? Irgend ein Wort ist dafür erfunden worden, dass die Pferde gedroschen werden, damit sie über den Parcours kommen? Diese Reiter sind die übelsten Typen. Genauso wie, in der Kriau [Wiener Pferderennbahn], wo diese Typen, diese lächerlichen Gnome, an denen das Größte ihr Schirmkapperl ist, diese Jockeys auf dem Pferd oben sitzen und die Tiere dreschen – widerwärtig.

Vom Stierkampf brauche ich nicht zu reden: Ich war noch nie in Spanien aus diesem Grund und werde dort auch nie hinfahren. Außerdem geht’s mir so auf den Wecker, dass diese Toreros als Helden angesehen werden. Meiner Meinung nach sind das die feigsten Häusln überhaupt. Es gehört überhaupt kein Mut dazu, den Stier zu reizen und dann, flankiert von ein paar Reitern, die diesen langen Spieß in der Hand haben, gegen den Stier vorzugehen. Wenn’s brenzlig wird, stechen die den Stier sofort nieder, die Toreros haben so gut wie Null Gefahr, diese aufgeplusterten Stierfopper mit den Goldlamettahoserln.

Zur Jagd: Ich bin aufgewachsen in Böheimkirchen in Niederösterreich. Mein Vater hatte dort ein Gasthaus gepachtet. Sonntags war das Gasthaus grün vor lauter Hubertusmantelträgern, durch die Bank Jäger. Die Bauern, die rotbackigen, sind alle jagen gegangen. Jagende Bauern sozusagen, oder bauernde Jäger, egal. Beim Thema Jäger müßte ich ja eigentlich schon wieder ordinär werden, aber ich reiß’ mich zusammen. Ich erlebe auch hier Jäger, die in der Gegend herumschießen. Das ist an sich eine friedliche Gegend, gemütlich und schön. Doch Sonntag vormittag wird geballert und der ganze Frieden ist zerstört – widerlich. Dann gibt’s hier in der Nähe jemanden, der macht Hausschlachtungen und das ist der Grund, dass ich hier wahrscheinlich nicht sehr lange bleiben werde, obwohl es eine wunderschöne Gegend ist. Es ist so widerlich: um sieben in der Früh – die Sonne scheint, die Vögel zwitschern – höre ich, wie eine Sau herausgezerrt und massakriert wird. Ich weiß’ nicht, wie es passiert: es dauert nicht lange, aber das Geschrei, die Hilfeschreie der Schweine.

Ich gebe zu, dass auch ich gern eine Wurstsemmel esse, das ist zugegeben inkonsequent, ich weiß. Mir vergeht auch die Laune, wenn ich ständig Schüsse höre. Zudem bin ich auch direkt durch die Jäger betroffen: einmal ist ein totes Reh bei mir im Garten gelegen, das hat wahrscheinlich irgendein Jäger angeschossen, es ist dann in meinen Garten geflüchtet und hier verreckt.

Es ist etwas anderes, wenn jemand zur Jagd geht, um sich Nahrung zu besorgen, wenn er das Tier erschießt und frißt. Nur lass ich mir nicht einreden, dass z.B. den Franz Josef Strauß, einen begeisterten Jäger, der Hunger in die Wälder getrieben hat. Es war nicht der knurrende Magen und die hungrigen Mäuler von Weib und Kind, die ihn samt Flinte durch in die Wälder haben streifen lassen, nein wirklich nicht, der hat geschossen, weil es ihm Spaß gemacht hat, Lebewesen totzumachen – das ist das Hauptmotiv.

Und überhaupt: Die Jäger mit ihrem Argument, dass sie ja eigentlich Heger sind! Wenn das Heger sind, dann sind sie eben so gut Neger. Das ist einfach gelogen. Die schießen, weil sie gern etwas vor dem Lauf haben, was sich bewegt und bummbumm dann lebt’s nicht mehr. Für mich sind das Killer, ganz schlichte Killer, ich schwöre es, ich weiß es. Die können mir doch nicht weismachen, dass sie den armen Rehlein im Winter Kastanien geben, weil sie s’ so lieb finden. Das ist doch nicht wahr. Die machen das, damit die Zielscheibe bis zur nächsten Jagdsaison größer und dicker wird, so schaut’s aus. Ein kleines Reh ist nicht so leicht zu treffen, wie ein dickes, großes. Das Gleichgewicht in der Natur hat immer funktioniert, es hat dazu nie dieser rotbackigen Arschgesichter mit den kleinen grünen Hüten oder der piekfeinen Jagdgesellschaft bedurft. Und ihre ehrenwerten Motive sind absolut lächerlich, die glaub’ ich ihnen nie und nimmer. Ich weiß, es gefällt ihnen, wenn’s kracht und irgendwas fällt tot um.

Bei öffentlichen Anlässen mache ich immer gegen die Jäger mobil: In einer deutschen TV-Talkshow mit Oskar Lafontaine und noch ein paar Prominenten habe ich auf die Frage nach dem Ereignis der Woche gesagt: »Es hat ein Ereignis gegeben, das mich positiv betroffen gemacht hat, ein Vorfall, über den ich mich wirklich sehr gefreut habe und die Freude hält bis heute an: Ein Jäger hat in Österreich seinen besten Freund erschossen, weil er ihn für ein Wildschwein gehalten hat. Das war für mich wunderbar, so etwas sollte wöchentlich passieren, ich wäre ein glücklicherer Mensch«. Der Lafontaine hat gesagt: »Das kann man aber so nicht sehen, Herr Deix«. »Das muss man so sehen, wissen Sie, Jäger sind nämlich Superärsche.« habe ich wortwörtlich erwidert. »Ich glaube, Jäger würden auch auf Menschen schießen, aber das ist in Friedenszeiten verboten. Das ist Waidmanns Pech und drum nehmen sie halt mit dem Wild vorlieb. Ich unterstelle denen absolute Mordlust, und sie haben es gerne, wenn das Tier umfällt, blutet und zuckt. Das gefällt denen, sonst würden sie es ja nicht tun.« Das habe ich ganz offen vor einem Millionen-TV-Publikum gesagt, worauf tags darauf etliche Anrufe gekommen sind: Die gesamte Deutsche Jägerschaft hat sich bitter beschwert.

Transparent: Was stört Sie an der Massentierhaltung und dem enormen österreichischen Fleischkonsum?

Deix: Die Massentierhaltung ist ebenso mies wie die Jagd. Ich meine, das ist alles gleich verachtenswert, inhumaner Wahnsinn. Ich kenne das vom Fernsehen und aus einem Buch vom Zweitausendeins-Verlag. Die Frau des Verlegers hat ein schreckliches Buch gemacht – „Das Tierbuch“- ich hab’s nicht geschafft, mir das ganz anzuschauen. Ich halt’ es nicht aus. Ich weiß, was alles passiert, aber ich kann mir’s wirklich nicht mehr anschauen. Ich leide unter den Fotos und so wichtig das Buch ist, ich verkrafte es nicht.

Transparent: Inwiefern?

Deix: Weil ich’s nicht sehen kann. Ich kann die Fotos nicht anschauen, das verhaut mir einen Tag oder zwei oder drei.

Transparent: Aber Sie zeichnen doch selber ganz deftige Bilder.

Deix: Das ist doch ganz was anderes. Das ist doch gezeichnet, ein Stück Papier, das sind zehn Striche und es ist fertig, aber es ist kein reales Foto. Ich habe einmal ein Foto gesehen, das hat sich mir eingebrannt. Französische Fleischhauer-Gesellen haben ein Schaf zur Schlachtung gebracht, das hat sich gesträubt und ist plötzlich aufrecht gestanden. Es hat sich aufgestellt auf den Hinterhaxen, und die Schlächter haben, lachend mit einem Tschik [= Zigarette] im Mund, das Vieh bei den Vorderhaxen untergehakt. Das Schaf hat entsetzt dreingeschaut, panisch und todtraurig. Das habe ich als Sechzehnjähriger gesehen und könnt’ es heute noch genau wiedergeben, nachzeichnen. Mir setzen optische Eindrücke sehr stark zu.

Transparent: Es ist ein Problem, dass viele Leute nicht hinschauen und die Wirklichkeit lieber verdrängen.

Deix: Verdrängen tue ich gar nichts, überhaupt nicht. Ich verarbeite es wieder. Meine Bilder sagen sehr viel über meine Meinung aus. Medien können hier sehr viel erreichen. Nach diesem »Club 2« über die Tierhalter habe ich mich beim ORF erkundigt, die haben Unmengen von Anrufen bekommen. Viele Leute haben sich gemeldet, waren empört und entsetzt. Und je öfter so etwas im Fernsehen ist, desto zielführender ist es.

Transparent: Davon war schon kurz die Rede, wie ist Ihr Verhältnis zum Vegetarismus?

Deix: Ich werde ganz sicher ein Vegetarier. Ich muss da was erklären: Mein Vater hat zehn Jahre lang ein Gasthaus betrieben, das war zwischen meinem achten und achtzehnten Lebensjahr. Jeden Tag hat es Schweinsbraten gegeben, Rindfleisch, Schnitzel und ich hab voll zugeschlagen, im Gasthaus ergibt sich das, und ich hab mir das einfach angewöhnt. Na klar, wie jeder, es hat ja niemand nachgedacht in den 60er Jahren: »Mein Gott, das arme Tier!« An den Betrieb war eine Fleischhauerei angeschlossen, sodass es einfach zur Kultur gehört hat, mit Wurst und Fleisch aufzuwachsen. Das war einfach völlig normal. Ich habe schon lange, lange, lange ein schlechtes Gewissen. Ich respektiere die Vegetarier und bin dabei, selber einer zu werden. Wie gesagt: Ich habe wirklich einen Huscher [= Webfehler], mir schmeckt trotz allem eine Leberkässemmel: Ich entschuldige mich bei allen Schweinderln, es tut mir so leid. Aber ich krieg das noch weg, ganz sicher, das versprech’ ich.

Transparent: Welches Motiv steckt dahinter?

Deix: Einfach Mitleid. Seit ich hier wohne, habe ich es immer knüppeldick, wenn ich die sterbenden Schweine höre. Jeder Appetit ist mir verdorben, der mir auch so schon verdorben ist, aber das verstärkt es total. Ich höre immer die Todesschreie von den Schweinen und ich Arsch ertappe mich einen Tag später dabei, wie ich wieder Leberkäs’ einschneide. Aber das ist vielleicht heilsam für mich.

Transparent: Ist es kein Problem, dass Ihre Katzen soviel Fleisch essen?

Deix: Natürlich, das kommt noch hinzu. Aber was soll ich machen? Ich kann denen keine Erbsensuppe servieren. Die ziehen mit Sack und Pack weg, und wenn ich ihnen Gemüse vorsetze, verlassen sie mich gnadenlos.

Transparent: Dennoch ist es für einen Menschen erstrebenswert kein Fleisch zu essen, Vegetarier zu werden?

Deix: Na klar, weil ich es nicht verantworten möchte, dass wegen mir Blut fließt. Ich möchte nicht am Tod irgendeines Tieres mitschuldig sein, nur weil ich Appetit auf Frankfurter habe. Das ist der Grund, warum ich sicher wegkomme von der Fleischschiene, die sowieso schon eine ganz schmale ist.

Ich war vor kurzem anlässlich einer Fabriksbesichtigung bei einer Firma, die Dosenfutter herstellt. Die haben mir ihr Werk gezeigt und mich durch die Lagerhallen geführt. Eine riesige Fabrik, mit Hallen, zwanzig Meter hoch, und Gängen, die hunderte Meter lang sind und da liegt tiefgekühlt gestapelt das Material, aus dem das Futter gemacht wird. Alles in Blöcken, das schaut absolut abstrakt, überhaupt nicht wie Fleisch aus. Lauter tiefgefrorene riesige Blöcke, 15 m hoch, gestapelt, gängeweise. Das sind alles Viecher, die aus der Dritten Welt und aus China kommen. Das ist wirklich pervers: die Viecher der Dritten Welt werden umgebracht, damit die Tiere der ersten Welt einen feinen Katzenschmaus haben. Eine böse Sache, aber das ist halt ein verfahrener Karren.

Manfred Deix hat diese und viele andere Karikaturen ehrenamtlich für den „Internationalen Bund der Tierversuchsgegner“ gestaltet
Manfred Deix hat diese und viele andere Karikaturen ehrenamtlich für den „Internationalen Bund der Tierversuchsgegner“ gestaltet

Vorbemerkung zum zweiten Teil des Interviews mit Manfred Deix

Die besonders erfreulichen Reaktionen auf die erste Ausgabe der Zeitschrift transparent galten vor allem dem Gespräch mit Manfred Deix und bezeugten reges Interesse an der vielversprechenden Fortsetzung.

War bisher vorwiegend von den Gräueln der Tierversuche, der Massentierhaltung sowie der Pelztierindustrie, aber auch von Jägern, Jockeys und Stierkämpfen die Rede, so führt das Gespräch diesmal über den gedankenlosen Missbrauch von Tieren für die Belanglosigkeiten der Unterhaltungsindustrie zu Manfred Deix’ Auffassung von Kunst sowie seinem künstlerischen Selbstverständnis.

Konkreter Anlaß war Manfred Deix’ unverblümter Kommentar zur künstlerischen Selbstherrlichkeit des hauptberuflichen Werbefilmers Franz Novotny, dessen unterbelichteter Streifen Die Spitzen der Gesellschaft Anfang Oktober (1990) in zwei Wiener Kinos angelaufen ist, die ihn jedoch schon nach ein paar Tagen wegen chronischen Besuchermangels vom Spielplan abgesetzt haben.

Gefehlt hat es dem Streifen, den ohnedies kein Pferd aushält, aber nicht nur an Publikum, sondern vor allem an filmischer Raffinesse, die Novotny durch einen reklameträchtigen Skandal wettmachen wollte, mit dem er allerdings aufs falsche Pferd gesetzt hat: Unter dem Vorwand realistischer Darstellung und in Kenntnis seines künstlerischen Unvermögens hat sich der Regisseur nicht entblödet, für eine angebliche Schlüssel-Szene zwei Pferde erschießen zu lassen und Menschen, die der Ansicht Ausdruck verliehen, dass (die Freiheit der) Kunst mit Töten unvereinbar ist, in den Medien als Antisemiten zu verleumden, die gleichmütig reagiert hätten, wenn statt der Tiere Menschen massakriert worden wären. Mit solchen Bezichtigungen, die bei psychologischer Betrachtung aufs neue Novotnys Neigungen enthüllen, hat dieser sich auf allen Ebenen disqualifiziert, gipfelt seine Geschmacklosigkeit doch in der Unterstellung, dass Tierschützer mehr oder weniger verkappte Nazis und ewiggestrige Menschen-, Kunst- und Fortschrittsfeinde wären.

Leider müssen sich Tierschützer aus zeitlichen und finanziellen Gründen meist auf einige wenige Arbeitsschwerpunkte beschränken, was allerdings nicht die Behauptung erlaubt, sie ignorierten oder billigten alle anderen Missstände. Dieser Vorwurf trifft vielmehr Franz Novotny, der anders als wir Tierversuchsgegner, noch nicht begriffen hat, dass das (Über)Leben der Menschen, der Tiere sowie ihrer Umwelt zu dringlich, aber die notwendige Einsicht der Gattung Mensch und ihrer Entscheidungsträger viel zu gering ist, als dass vazierende Werbeheinis mangelnde Tierrechte gegen demolierte Menschenrechte ausspielen dürften.

Deshalb kann Manfred Deix’ prononcierter Kommentar zu Novotnys Denk-Ausfällen nicht überbewertet werden, weil Deix die Freiheit der Kunst nachweislich schätzt und genießt und daher Novotny, der sich gerne als Vorreiter für die Freiheit der Kunst ausgab, medienwirksam vom hohen Ross holen konnte.

Letzterer hat sich mit den Spitzen der Gesellschaft keine Sporen verdient, aber seiner Mitwelt eine vernichtende Kostprobe seiner künstlerischen und beruflichen Fähigkeiten geboten. Schließlich geschieht es nicht alle Tage, dass ein ungezügelter Werbefilmer beim Versuch sein blutiges Steckenpferd als hehre Kunst vorzuführen, dieses derart kunstlos beim Schwanz aufzäumt. Es war der Pferdefuß schlechthin, das beste Pferd im Stall zu erschießen, statt es für jenen Regisseur denken zu lassen, der dem Leben ans Leben geht, so oft ihn der Hafer sticht.

Interview mit Manfred Deix (Teil 2)

Transparent: Wie beurteilen Sie als fürsorglicher Behüter von siebzig Katzen die weitverbreitete Ansicht, dass Tierfreunde schlecht auf Menschen zu sprechen -: geradezu Menschenfeinde sind?

Deix: Schwachsinn. Absoluter Schwachsinn. Das ließe ja den Umkehrschluss zu, dass Menschenfreunde Tiergegner sind. Das ist mir zu naiv und schwarz-weiß, das Spektrum ist viel breiter. Bei mir ist es so, dass ich zu den Menschen ein sehr neutrales Verhältnis habe, so wie es doch eh jeder hat. Ich steh’ auf gewisse Leute, und dann gibt’s welche, die gehn mir eben auf den Wecker.

Die Viecher habe ich besonders gern, kompromißlos gern, bis auf Mücken, die mich stechen, auf die bin ich nicht gut zu sprechen, aber alles andere mag ich. Außerdem: Wieso soll man alle Menschen lieb finden? Es gibt schließlich viele Vollkoffer [= Idioten] auf der Welt. Ein Großteil der Menschheit hat ja wirklich einen Klescher [= Webfehler], und die soll ich alle gern haben? Warum eigentlich? Es gibt viele gute und viele weniger gute Menschen. Ich hasse Militaristen, Rassisten, Gewalttäter und Klerikale und mir gehen sehr viele Leute auf den Hammer, weil sie Sachen machen, die mich erschrecken. Das geht euch doch auch so. Nein, das mit dem Menschenhass ist lächerlich.

Wenn ich ein Menschenhasser wäre, dann hätte ich ja den falschen Beruf. Dann würde ich ja bei der Arbeit leiden, so aber lache ich Tränen, wenn ich meine Bilder zeichne. Ich mache mich über viele Leute lustig und das macht wirklich Spaß. Ich bin so und viele Leute sind anders, damit habe ich mich abgefunden. Ich habe keine Probleme damit.. Voraussetzung für meinen Beruf ist es, Missstände deutlich zu sehen. Meine Aufgabe ist, über die Blödheiten Scherze zu machen. Und wenn ich damit etwas bewirke, wenn sich die, die ich meine, auf den Schlips getreten fühlen, dann habe ich diese Aufgabe ein bisschen erfüllt.

Transparent: Gegen Tierschützer richtet sich oft der Vorwurf, dass sie sich um eine kleine Katze, aber nicht um das Kind in Rumänien kümmern?

Deix: Den Vorwurf kenn’ ich, nur kümmere ich mich auch um Kinder in Rumänien. Ich gebe viel Geld her, spendiere viele Bilder, von denen jedes mindestens 30.000 Schilling wert ist. In der „Bunten“ stand: »Österreichs größter Verschwender, weil er im Monat 5000 Mark für Katzenfutter ausgibt«. Die Leute, die diesen Vorwurf erheben, lassen in der Regel nie etwas springen, weder für Tiere noch für Menschen. Diese Würschtl haben absolutes Redeverbot bei mir, die sollen lieber selber einmal etwas locker machen.

Transparent: Was motivierte Sie, sich während einer »Club 2«-Diskussion über die Verwendung von Tieren für Filmaufnahmen, Werbung und ähnliches telefonisch gegen den Aktionisten Hermann Nitsch und den Regisseur Franz Novotny zu äußern?

Deix: Der Nitsch fällt mir schon lange auf, weil ich ihn für einen verkappten Mönch halte, der seine armselige, altbackene Kunst immer noch für avantgardistisch hält. Ich sehe nicht ein, dass für die Kunst irgendein Lebewesen sterben muss, ob Mensch oder Tier ist völlig gleichgültig. Kunst und Mord schließen einander aus. Kunst und Mord haben miteinander absolut nichts zu tun. Das sind totale Gegenpole, die man nicht zusammenbringen kann. Der Novotny und andere österreichische Filmemacher haben die merkwürdige Neigung, immer wieder Tiere in den Filmen ermorden zu lassen. Das fällt mir schon länger auf, es zieht sich durch. Das geht mir so auf den Hammer, weil die Filme qualitativ ohnedies sehr schlecht sind. Die Österreicher sind sicher die schlechtesten Filmemacher der Welt, daher darf niemandem auch nur ein Haar gekrümmt werden. In Amerika bei den Western-Filmen, wo immer Pferde stürzen, gibt’s Kontrollen. Der amerikanische Tierschutz funktioniert viel, viel besser, da wird kein Viech ermordet oder gepeinigt für einen Film, das ist strengstens verboten. Es gibt keinen amerikanischen Film, in dem ein Pferd erschossen wird. Der Novotny, dessen Filme fast durchwegs für den Hugo sind, sollte eigentlich die Kamera freiwillig abgeben, denn was er macht, ist meistens sehr, sehr daneben.

Wäre ich ein Fotohändler, würde ich ihn aus dem Geschäft scheuchen, wenn er um einen Film käme. Ich hab’ von einem Bekannten gehört, Novotny wollte für irgendeine Szene in einem Film eine Katze im Wienfluß ertränken lassen. Der Typ, der mir das erzählt hat, hat den Auftrag gehabt, eine Katze zu organisieren, die man dann für den Film ersäuft. Er hat sich geweigert und hat seine Mitarbeit gekündigt.

Der Nitsch, der Langweiler, ödet mich schon seit Jahren an, obwohl der ein Zimperlein ist und »Oh Gott, die Tierleins« sagt. Seine Kunst ist es nicht wert, dass er auch nur eine Heuschrecke ermordet. Keine Kunst der Welt ist es wert, dass Leben dafür vernichtet wird, weil das einander ausschließt.

Transparent: Was ist das für ein Verständnis von Kunst?

Deix: Meines, und nicht nur meines. Ein sehr optimistisches, positives. Man ermordet doch auch für die Komposition eines Liedes kein Viech. Das ist doch arrogant, die eigene Kunst über das Leben zu stellen. Man kann sich in der Kunst klarerweise mit dem Tod und dem Sterben befassen, aber doch nicht selbst Hand anlegen und sich dann kritisch geben und sagen: »Ja, ich zeige, wie dramatisch oder was auch immer das Sterben oder wie hässlich das Morden an sich ist«. Es stimmt ja dann nicht mehr, weil man dann ja selber zum Täter wird. Für Fleischhacker gilt hier bekanntlich eine Ausnahme, aber gerade die Kunst müsste doch weit darüber stehen. Mit dieser Meinung gilt man als Ewiggestriger und vielleicht sagt man bereits über mich, ich sei ein Faschist, weil ich im »Club 2« verlautbaren ließ, dass die Qualität der Filme Novotnys und die Qualität der Kunst des Nitsch nicht einmal den Tod einer Heuschrecke rechtfertigt. Ich habe mir durch diesen Anruf einen schlechten Ruf eingeheimst. Die Wiener Kunst-Schickeria hat gestöhnt, »Oh Gott, oh Gott, was hat denn der Deix. Ja, mein Gott, da sind wir aber jetzt enttäuscht. Das hätten wir uns gerade von ihm nicht erwartet«. Aber ich habe genau gewusst, dass gerade ich es mir leisten kann, anzurufen. Schließlich kann man mir wirklich nicht nachsagen, dass ich ein Nazi bin oder ein kleinkariertes Mütterchen oder ein verschrobener Pfarrer, das alles und auch der »Staberl« bin ich nicht.

Transparent: Sollte nach Ihrem Verständnis ein Künstler als Kritiker der Gesellschaft Lösungsvorschläge für anstehende Missstände anbieten oder endet seine Aufgabe damit, Mängel nachzuweisen?

Deix: Alles andere wäre zu hoch gegriffen, das kann ein Künstler nicht. Es gibt keinen Künstler, der irgend etwas Wesentliches bewirkt hätte, außer Walt Disney, der hat die Leute glücklich gemacht, Millionen auf der ganzen Welt. Was kann ein Künstler? Ich kann Missstände aufzeigen. Soll ich nach Nicaragua fahren und bei der Ernte helfen? Wenn ja, dann kann ich aber nicht mehr zeichnen. Was soll ich gegen die Missstände tun? Ich glaub, man soll sich und die Wichtigkeit der eigenen Arbeit realistisch einschätzen. Was ich am besten kann, ist zeichnen. Ich wär’ vielleicht ein ganz guter Streetworker oder so was, da hätte ich ein Feeling für die jungen Leute am Karlsplatz, das könnte ich ganz gut machen, aber ich glaube, effizienter wirke ich mit meinen Arbeiten, die ja von Hunderttausenden gesehen werden, und das mehrmals monatlich. So kann ich wenigstens zur Meinungsbildung beitragen.

Transparent: In einem Gespräch äußerten Sie Ihr Erstaunen, als Moralist bezeichnet zu werden. Was stört Sie an diesem Begriff?

Deix: Am Begriff an sich stört mich nichts. Moralinsauer möchte ich nicht sein und Moralist glaube ich nicht, zu sein. Der Begriff Moralist ist ein bisserl negativ besetzt, hat zu tun mit Betulichkeit, puritanischem Gehabe, Oberlehrerhaftigkeit, erhobenem Zeigefinger, Priesterlichkeit, Reinheit, Bravsein, katholischem Feeling und so. Mit allem, was in dieser Ecke ist, möchte ich meinen Namen nicht assoziiert wissen.

Transparent: Was wäre das zutreffendere Wort – Humanist?

Deix: Ja, das schon viel eher, das bin ich wirklich, das bin ich. Moralist hingegen hat immer mit fast bigotter Moral zu tun und dagegen hab’ ich was. Hin und wieder ein Schuss Unmoral kann durchaus belebend wirken. Ich will nicht hochmoralisch sein und nichts wäre schlimmer für mich, als Eltern, die zu ihren Kindern sagen: »Nimm dir ein Beispiel am Deix!« Nein, das möchte ich nicht haben, wirklich nicht.

Transparent: Wenn man Missstände kritisiert, hat man doch hohe moralische Maßstäbe?

Deix: Ja, sicherlich, aber das Wort stört mich, inhaltlich stimmt es natürlich. Ich habe starke moralische Triebfedern in mir, aber auch stark unmoralische, und diese Mischung ist gut und bringt Leben in die Seele. Ich leide unter vielem, aber ich ein Moralist? Es gibt so viele Moralisten. Nein, ich möchte kein Vorbild sein. Wenn die Eltern vor mir warnen, fühl’ ich mich wohler – wirklich. Wenn die sagen: »Was hast du jetzt in der Hand, ein Bild vom Deix? – gib das sofort weg, schlimmer Bub!«, das gefällt mir besser.

Transparent: Die Intention der Bilder ist doch Wirkung und Wirkung wäre es, wenn man sagt, nimm dir ein Vorbild am Deix. Wenn sich viele Leute ein Vorbild am Deix nehmen, wäre die Welt eine Spur besser.

Deix: Das ja, aber das passiert leider nicht. Wenn’s diese Eltern gäbe, die mich in dieser Richtung als Vorbild für ihre Kinder sehen, dann o.k., dann bin ich gern ein Vorbild. Aber in der Regel ist es so, dass den Kindern andere Vorbilder angeboten werden: »Schau, dir den Herrn Religionslehrer an, das ist so ein netter Mensch, der hat noch nie unkeusche Gedanken gehabt oder der Thomas von vis-a-vis, der hat sein Studium in drei Jahren fertiggemacht und du tust immer nur Rock & Roll-Platten hören«. Das möchte ich nicht. Diese Eltern gehen mir auf den Hammer. Natürlich gibt es auch andere, ganz wenige Leute, die mir voller Freude erzählen, dass sie entdecken, dass ihre Kinder mit Vorliebe meine Bilder anschauen. Das ehrt mich, für diese Kinder bin ich gerne Idol oder Vorbild. Es kommt darauf an, für wen man Vorbild ist.

Transparent: Überrascht es Sie, mit Ihren schonungslosen Karikaturen derart populär zu sein?

Deix: Nein, es überrascht mich überhaupt nicht, weil die Bilder gute Qualität haben. Hätte ich an den Menschen vorbeigezeichnet und deren Nerv nicht getroffen, wäre ich heute ein unbekannter Witzzeichner. Wäre ich wer anderer, und ich hätte Deix-Bilder gesehen, ich wäre garantiert ein schwerer Deix-Fan geworden. Ich bin mir sicher, das hätte mich beeindruckt. Mich hätte die Frechheit beeindruckt oder das Aufrührerische in den Zeichnungen, das Spöttische, das Zynische. Ich halte den Erfolg, ehrlich gesagt, für völlig normal.

Transparent: Offenbar gefallen die Bilder selbst jenen, die kritisiert werden.

Deix: So ist es ganz sicher nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Polizisten vom Karlsplatz, die ein junges Mädchen missbraucht haben und über die ich mich lustig gemacht habe, große Freude mit meiner Zeichnung haben. Es gibt eine Art von Karikatur, bei der sich die Karikierten geschmeichelt fühlen und die Politiker sagen: »Das Bild kaufe ich mir, da bin ich gut getroffen!«. Das habe ich nie vorgehabt. Es gibt zwar Politiker, die von mir Bilder gekauft haben, Kreisky hat welche gehabt, Sinowatz hat ein paar gehabt. Beim Sinowatz war das eine Art von Masochismus, glaube ich, der ist wirklich nie gut davongekommen. Aber die Art der Karikatur, wo sich der Karikierte darüber freut, habe ich nie im Sinn gehabt. Ich wollte immer, dass der Karikierte ein bisserl Gänsehaut kriegt und böse ist auf mich und das habe ich meistens erreicht.

Transparent: Ich habe allerdings gehört, dass Kurt Waldheim zu einer Deix-Ausstellung kommen wollte.

Deix: Na gut, das ist ein Sonderfall, glaube ich, der hat so ein Defizit an Einladungen, dass er sogar zu mir gekommen wäre, obwohl ich mich sehr oft über ihn hergemacht habe.

Transparent: Hat die große Bekanntheit Ihrer provokanten Arbeiten Auswirkungen auf Ihren Alltag -: den tagtäglichen Kontakt mit Ihren Modellen -: Mitmenschen und Politikern?

Deix: Mit Politikern habe ich so gut wie nie etwas zu tun und ich habe auch nie Wert darauf gelegt, dass mein Gesicht bekannt wird. Es ist ein Nachteil, wenn mich Leute auf der Straße erkennen. Das passiert mir zwar immer öfter, weil mein Konterfei schon zu oft in den Zeitungen abgebildet wurde, aber es ist nicht gut für mich, wenn ich erkannt werde. Ich habe immer davon profitiert, dass die Leute meine Bilder, aber nicht mich als Person erkennen. Schließlich lebe ich nicht abgehoben im Elfenbeinturm, sondern muss recherchieren und bewege ich mich ständig unter Leuten. Wenn ich über etwas zeichne, muss ich genau wissen wie’s ausschaut. Ich bin wie ein Reporter, der sich alles anschauen muss, um authentisch darüber berichten zu können. Wenn ich jetzt in Wirtshäusern sitze und zuhöre wie ein Spion am Nebentisch, reden die Leute leiser. Ich werde immer öfter erkannt und die Leute benehmen sich dann anders, als sie es normalerweise tun und das ist eigentlich ein Nachteil. über mangelnde Resonanz kann ich mich nicht beklagen, mein Publikum ist fifty-fifty: die eine Hälfte steht total auf das, was ich mache, die andere Hälfte lehnt es total ab. Mittlere Gefühle, wie laue Zuneigung oder Ablehnung gibt es da nicht: kalt lasse ich keinen. Ablehnung ist auch Resonanz und ich will ja kommunizieren. Meine Bilder sind so angelegt, dass sie kommunizieren mit den Leuten.

Siehe auch: André Hellers Wortmeldung gegen die „Kulturschande Tierleid“

Buchbesprechung aus dem Jahr 1999

Andreas Weigel: Kretins, Sumper, Heuchler und Tölpel. Manfred Deix – der karikierende Archivar heimischer Missstände. In: „Die Presse“, „Spectrum“. 30. Jänner 1999. S. VIII.
Andreas Weigel: Kretins, Sumper, Heuchler und Tölpel. Manfred Deix – der karikierende Archivar heimischer Missstände. In: „Die Presse“, „Spectrum“. 30. Jänner 1999. S. VIII.
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