Hanns Eislers Wiederkehr mit Variation

Andreas Weigel: Gars abseits von Suppé und Falco. Was weltberühmte Filmregisseure, Komponisten, Literaten und bildende Künstler mit der Kamptal-Sommerfrische verbindet. In: praesent. Das österreichische Literaturjahrbuch 2016. Wien 2016. S. 44–64. ISBN 978-3706920162.
Andreas Weigel: Gars abseits von Suppé und Falco. Was weltberühmte Filmregisseure, Komponisten, Literaten und bildende Künstler mit der Kamptal-Sommerfrische verbindet. In: praesent. Das österreichische Literaturjahrbuch 2016. Wien 2016. S. 44–64. ISBN 978-3706920162.

Unter den Garser Sommergästen befanden sich immer wieder Personen, die damals bekannt waren bzw. später berühmt wurden. Ein Beispiel für beides bietet die in Wien lebende Familie Eisler: Der Vater, Rudolf Eisler, war angesehener Kant- Forscher und Philosophiehistoriker, während seine Kinder ab der Zwischenkriegszeit weltberühmt werden sollten. Seine 1895 geborene Tochter, Ruth, wurde zuerst in Österreich, dann in Deutschland führende kommunistische Politikerin, die sich Mitte der 1920er Jahre von der Kommunistischen Partei abwandte und diese später von den USA aus vehement bekämpfte. Auch ihr 1897 geborener Bruder Gerhart engagierte sich früh für die Kommunistische Partei und nahm bis zu seinem Tod im März 1968 mehrere politische Spitzenpositionen in der DDR ein.

Das dritte Eisler-Kind, der 1898 geborene Hanns (1898-1962) ist neben Alban Berg, Anton Webern und Allan Gray (alias Josef Zmigrod) der berühmteste Arnold-Schönberg-Schüler, nicht zuletzt weil er seit den 1930er Jahren intensiv mit Bertolt Brecht zusammengearbeitet hat. Einem breiteren Publikum bekannt sind Eislers Bühnen- und Filmmusiken für Bert Brecht (»Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?«), Fritz Lang (»Hangmen Also Die«), Clifford Odets (»None But the Lonely Heart«), Douglas Sirk (»A Scandal in Paris«), Louis Daquin (»Bel Ami«) und Alain Resnais (»Nuit et brouillard«), aber vor allem die von Eisler komponierte Nationalhymne der einstigen DDR »Auferstanden aus Ruinen«.

Wann genau die Familie Eisler in Gars auf Sommerfrische war, ist trotz der erhaltenen Garser Gästebücher noch nicht geklärt, aber Gerhart Eislers Witwe verdanken wir zumindest einen entsprechenden Hinweis: Zu Gerharts schönsten Kindheitserinnerungen gehörten die Sommerferien der Familie in Gars-Thunau, einem kleinen Ort in Niederösterreich. Dort konnte er sich seinen sportlichen Leidenschaften hingeben: dem Schwimmen, Rudern und Wandern.

Zweifelsfrei datierbar sind dagegen die beiden späteren Gars- Aufenthalte des Komponisten Hanns Eisler, der erstmals im Juni 1925 gemeinsam mit seiner damaligen Frau Charlotte nach Gars-Thunau zurückkehrt. Von ihrem gemeinsamen Aufenthalt zeugen eine Fotografie, die ihn gemeinsam mit seiner Frau in Badekleidung vor der Garser Badeanstalt zeigt, zwei weitere Fotografien, auf denen er in Wanderkleidung zu sehen ist, sowie ein Brief, den er am 22. Juni 1925 an seinen Musikerkollegen Erwin Ratz geschrieben hat und dessen Absenderangabe »Hanns Eisler bei Burian Thunau-Gars No 150 Hirschgraben« lautet.

Im August 1957 kehrte Hanns Eisler mit seiner zukünftigen Frau Stephanie Zucker-Schilling nach Gars zurück, wo sie zwischen 24. und 27. August bei Kraft wohnten. Von diesem Aufenthalt sind sieben Fotografien erhalten, wovon ihn zwei am Garser Hauptplatz vor der Gabelung Apoiger Straße und Kirchengasse, vier vor dem „Hotel Kamptalhof“ sowie eine vor dem Stift Altenburg zeigen.

Eine jener Fotografien, die Eisler vor dem „Hotel Kamptalhof“ zeigt, ist auch in Larry Weinsteins gelungener Hanns-Eisler-TV-Dokumentation „Solidarity Song: The Hanns Eisler Story“ (1996) zu sehen, wenn nach rund 70. Film-Minuten ein Interview mit Eislers Witwe Stephanie erfolgt, bei dem sie auf das Foto zeigt und erklärt, dass es aus Venedig stamme, wo es sehr schön gewesen sei. – Allerdings wurde die Fotografie zweifelsfrei 1957 in der Kamptal-Sommerfrische Gars aufgenommen.

Maren Köster, der Herausgeberin des Hanns-Eisler-Briefwechsels, verdanke ich die Auskunft, dass Eislers unveröffentlichte Briefe wenig über seinen erneuten Gars-Besuch enthalten: „Es gibt eine einzige Erwähnung von ‚Gars‘ in einem Brief vom 9. September 1957 an Stephanie Zucker-Schilling (damals noch so, ab 1958 verheiratete ‚Eisler‘), er beginnt so: Liebe, liebste Steffi! Eben Dein Brief (vom 5. Sept.) und die reizende Photographie. Ich bin sehr gerührt Dich da sitzen zu sehn. Du hast mir damit eine gute Freude gemacht. Daß Dich eine Bemerkung von mir traurig gemacht hat ist mir schrecklich. Entschuldig mich alten Esel! Es soll nie wieder vorkommen, mein Lieblingskätzchen. Das mit dem Shakespeare ist erstaunlich, aber nicht unerklärlich. Wir sprachen öfters über ‚Antonius und Cleopatra‘ (in Gars) und daß Dir das im Traum eingefallen ist, ist nichts unheimliches! (Die Verse sind aus ‚Was ihr wollt‘).“ (1)

Anmerkung

1) Quelle des Briefzitats: Akademie der Künste, Berlin, Hanns-Eisler-Archiv 6734.

Aus: Andreas Weigel: Gars abseits von Suppé und Falco. Was weltberühmte Filmregisseure, Komponisten, Literaten und bildende Künstler mit der Kamptal-Sommerfrische verbindet. In: Joanna Lukaszuk-Ritter und Michael Ritter (Hrsg.): praesent. Das österreichische Literaturjahrbuch 2016. Das literarische Geschehen in Österreich von Juli 2014 bis Juni 2015. Wien: praesens 2016. S. 44-64, hier S. 45ff.

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