Drei haltlose Garser Legenden

Die vor der Wahrheit davonlaufen

Gerhard Baumrucker: Ausstellung: „Stars in Gars – Schaffen und Genießen“. Andreas Weigels Aussagen im Zeitbrücke-Museum über die Sommerfrische Gars und Franz von Suppé irritierten Besucher. In: Niederösterreichische Nachrichten. Horner Ausgabe. Webversion. 22. April 2017.
Gerhard Baumrucker: Ausstellung: „Stars in Gars – Schaffen und Genießen“. Andreas Weigels Aussagen im Zeitbrücke-Museum über die Sommerfrische Gars und Franz von Suppé irritierten Besucher. In: Niederösterreichische Nachrichten. Horner Ausgabe. Webversion. 22. April 2017.

1.) Gars, führende Sommerfrische Niederösterreichs nach Baden bei Wien

Manche Garser behaupten seit Jahrzehnten, dass ihre Heimatgemeinde „gleich nach Baden bei Wien“ die führende niederösterreichische Sommerfrische gewesen wäre. Im Sommer 1978 wurde beispielsweise einer Journalistin der bundesdeutschen Wochenzeitschrift „Die Zeit“ versichert, dass Gars „nach Baden bei Wien“ der führende Sommerfrischeort Niederösterreichs gewesen wäre: „1912 hatte Gars fast 80 000 Übernachtungen und durfte sich – gleich nach Baden bei Wien – zum „führenden Sommerfrischeort Niederösterreichs“ erklären“ (Sibylle Zehle: Auf der Suche nach Sommerfrische. Das niederösterreichische Gars ist zum Geheimtip geworden).

Tatsächlich blieben die touristischen Kennzahlen sogar 1912, dem Jahr des bis heute geltenden Garser Nächtigungsrekordes, mit 1.705 Gästen in Gars sowie 3.661 Gästen in Gars, Thunau, Kamegg, Manigfall und Zitternberg weit von jener 10.000er Fremden-Schwelle entfernt, welche die Kurstadt Baden bei Wien (31.567 Gäste) sowie die Gemeinden Semmering (19.856 Gäste) und Reichenau an der Rax (19.413 Gäste) deutlich überschritten haben. Gars war selbst in seinem Rekordjahr 1912 nicht unter den zwanzig führenden Sommerfrischen Niederösterreichs zu finden.

Vom Jahr 1929 abgesehen schaffte es Gars am Kamp bis 1930 nicht einmal unter die führenden zehn niederösterreichischen Sommerfrischen. Die amtlichen statistischen Jahrbücher der Republik Österreich verzeichnen in den 1920er Jahren folgende Kennzahlen, die jeweils den Zeitraum vom 1. November bis 31. Oktober berücksichtigen, was aber für Gars,  dessen Gäste vor allem zwischen Frühjahrs- und Herbstbeginn eintrafen, im Großen und Ganzen mit dem jeweiligen Jahresergebnis identisch ist:

1924/25: 59.648 Nächtigungen, 2.667 Fremde (12. Platz),

1925/26: 38.388 Nächtigungen, 2.263 Fremde (13. Platz),

1926/27: 38.452 Nächtigungen, 2.029 Fremde (17. Platz),

1927/28: 50.388 Nächtigungen, 2.466 Fremde (16. Platz),

1928/29: 59.750 Nächtigungen, 2.211 Fremde (9. Platz) und

1929/30: 56.630 Nächtigungen, 2.243 Fremde (15. Platz).

Erst im Jahr 1929 erreichte Gars einen Platz unter den führenden zehn Sommerfrischen Niederösterreichs. Damals lag Gars mit 59.750 Übernachtungen niederösterreichweit an neunter Stelle hinter Baden (993.213 Übernachtungen), Semmering – Breitenstein (319.121 Übernachtungen), Bad Vöslau – Gainfarn (277.525 Übernachtungen), Reichenau – Payerbach (216.960 Übernachtungen), Mödling – Hinterbrühl (170.017 Übernachtungen), Mauer bei Wien (154.700 Übernachtungen), Grimmenstein (97.492 Übernachtungen) und Waldegg an der Piesting (91.219 Übernachtungen).

Während des Zweiten Weltkrieges steigerten die teils privat, teils staatlich einquartierten Bombenflüchtlinge die Garser Nächtigungsziffern so stark, dass 1941 mit 75.508 Fremdenübernachtungen der zweithöchste Wert seit dem Rekordjahr 1912 (77.200 Nächtigungen) erreicht wurde.

2.) Der Busserlzug wäre nur bzw. zuerst im Kamptal verkehrt

Entgegen der im Kamptal weit verbreiteten Vorstellung war der „Busserlzug“ kein Alleinstellungsmerkmal der 1889 eröffneten Kamptalbahn, sondern eine Spezialität vieler Sommerfrischeregionen. Die zwischen Wien und den Sommerfrischen pendelnden Busserlzüge brachten die in Wien berufstätigen Männer am Wochenende zu ihren am Land weilenden Familien und entführten die Männer Sonntagabend wieder nach Wien. Das Ehe- und Familienleben konzentrierte sich während dieser Wochen oder Monate auf wenige Urlaubs- und Feiertage sowie Wochenenden, weshalb die Begrüßung der samstags heiß erwarteten und sonntags schweren Herzens verabschiedeten Ehemänner und Väter so zärtlich bzw. stürmisch erfolgt sein soll, dass diese Bahnverbindungen im Volksmund bald Busserlzüge genannt wurden. Die Bezeichnung „Busserlzug“ regte immer wieder die Künstlerfantasien an. Beispielsweise brachte „Das interessante Blatt“ am 29. September 1904 Alois Ulreichs Humoreske „Der Busserlzug“, die öfters nachgedruckt wurde und dadurch die überregionale Verbreitung dieses Begriffes gefördert hat. Am 15. August 1923 erschien im „Neues Wiener Journal“ eine weitere Humoreske unter dem Titel „Der Busserlzug“, die in der Semmering-Region spielt (Vor den „Busserlzügen“ gab es übrigens „Vergnügungszüge“).

3.) Franz von Suppé hätte seinen „Boccaccio“ in Gars komponiert

Nach Suppés Tod richtete seine Witwe in der Garser Villa ein Suppé-Museum ein, für das sie sogar sein Wiener Sterbebett ins Kamptal überführen ließ. Für Garser Sommergäste war das Privatmuseum eine naheliegende Attraktion, für Suppé-Fans ein schwer erreichbarer Wallfahrtsort. Demgemäß schloss eine begeisterte Museumsbesprechung in „Dillinger‘s Reisezeitung“ am 10. Oktober 1897 mit dem Wunsch, das interessante Museum möge seinen Standort nach Wien verlegen: „Für den, der Wien noch als kunstfrohe, productive Theaterstadt gekannt hat, bietet das Suppé-Museum eine Fülle schätzenswerthester Anregungen und Erinnerungen. Dass es etwas abgelegen im Kampthal installirt ist, hat bisher einzelne Verehrer der Muse Suppé’s und Vereine in corpore vom Besuche nicht abgehalten. Vielleicht will es aber ein gütiges Geschick, dass es bald nach Wien, der Stadt, wohin es gehört, verlegt wird.“

Eine weitere ausführliche Museums-Besprechung erschien anlässlich Suppés fünftem Todestag unter der Überschrift „Aus der „Villa Boccaccio“ (Erinnerungen an Franz von Suppé)“ am 3. Juni 1900 im „Neuen Wiener Journal“. Sie stammte aus der Feder des Schauspielers und Schriftstellers Bernhard Buchbinder (1849–1922), dessen Stücke immer wieder im Garser Sommertheater aufgeführt wurden. Seine Reportage schloss mit der Beschreibung des von ihm als äußerst sehenswert empfohlenen Garser Suppé-Museums, das – wie er andeutete – bald einen anderen Standort erhalten könnte.

Tatsächlich beschloss der Wiener Stadtrat im Herbst 1908, Suppés Nachlass in Gars abzuholen und in den städtischen Sammlungen unterbringen zu lassen, um die Schaustücke im geplanten Suppé-Zimmer des städtischen Museums zu präsentieren, worin „Der Bote aus dem Waldviertel“ einen kulturellen Rückschlag für die Region registrierte.

Offenbar als Ausgleich für den Verlust des Museums hat Suppés Witwe den Garsern 1909 schriftlich bestätigt, dass ihr Mann seine erfolgreichste Operette, „Boccaccio“, 1878 in Gars komponiert hätte. Diese Gefälligkeit war aber verlorene Liebesmüh, da immer wieder die Suppé charakterisierende, sehr plastisch beschriebene Anekdote die Runde machte, wie er bei der Rückkehr aus seiner Sommerfrische hochnotpeinlich befragt eingestand, dort „noch kein Notenköpferl“, der verbindlich zugesagten „Boccaccio“-Komposition geschrieben zu haben.

Dieses dramatisch beschriebene Schmankerl wird natürlich auch von Suppés Schwieger-Enkel Otto Keller in seiner 1905 veröffentlichten Suppé-Biografie überliefert: „Suppé hatte das Libretto schon seit dem Sommer 1878 in der Hand. Er ging nach Gars mit dem Versprechen, in der Sommerfrische die Komposition fertig zu stellen. Dort aber hatte er mit der Herrichtung seines prächtigen Sommersitzes gar viel zu tun. Es mußten Garten und Rasen angelegt, Spargelbeete hergerichtet werden und als er im Herbst nach Wien kam, fragte ihn ein Freund, wie es mit dem „Boccaccio“ steht und sagte: „Die Direktion ist darauf angewiesen, spiel mir vor, was du fertig hast!“ Suppé gab zuerst ausweichende Antworten, sprach von Skizzierungen und als der Freund ernstlich in ihn drang, erwiderte er: „Ich muß dir etwas sagen, geh mit mir bis zur Uhr (der großen Normaluhr, die vor dem Karltheater in Wien steht), daß uns niemand hört.“ Dort angekommen sprach er: „Lieber Freund, noch kein Notenköpferl habe ich geschrieben.“

Dennoch verziert eine Marmortafel Suppés ersten Garser Sommerwohnsitz mit folgenden Worten: „Franz von Suppé hat in diesem Hause drei Sommer 1876 bis 1878 zugebracht und 1878 hier den Boccaccio komponirt.“ – Dieser Bluff wäre gar nicht notwendig, da Gars auf mehrere Suppé-Werke verweisen könnte, die wirklich vor Ort entstanden sind.

Siehe auch: Hat Franz von Suppè den „Boccaccio“ in seiner Sommerfrische Gars komponiert?

Siehe auch: Andreas Weigel: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Reich bebilderte Geschichte der Sommerfrische Gars-Thunau von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. In: Stars in Gars. Schaffen und Genießen. Künstler in der Sommerfrische. Herausgegeben vom Museumsverein Gars, Zeitbrücke-Museum Gars (Gars 2017) S. 9-174. ISBN 978-3-9504427-0-0. Vor allem: S. 17f. (Boccaccio-Legende), S. 60 und 93 (Vom Jahr 1929 abgesehen schaffte es Gars bis 1930 nie unter die führenden zwölf niederösterreichischen Sommerfrischen).

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